Eine betriebswirtschaftliche Betrachtung der Kommunen in Deutschland, eine kritische Analyse der vorliegenden Lösungen und konstruktive Ideen out-of-the box.
Viele Kommunen stehen vor brutalen Sparzwängen. Weil die Kassen leer sind. Weil Steuermittel in konsumtive Sozialleistungen investiert wurden. Weil Investitionen in den Erhalt der kommunalen Infrastruktur zu lange hinausgezögert wurden und überbordende Kosten zur Unzeit entstehen. Weil das Konnexitätsprinzip nicht eingehalten wird.
Die Sparzwänge führen seitens der Kommunen zu mehr oder weniger kreativen Lösungen. Zur Reduzierung des öffentlichen Nahverkehrs. Zur Reduzierung öffentlich kofinanzierter Dienstleistungen im Bereich der freiwilligen Leistungen (zum Beispiel öffentliche Musikschulen, Theater- und Konzerthäuser). Zur Anhebung kommunaler Gebühren wie zum Beispiel die Gewerbesteuer, die Grundsteuer, die Hundesteuer oder die Vergnügungssteuer. Sie merken es: die kurzfristigen Maßnahmen reduzieren die Attraktivität der Kommune und lösen keine strukturellen Probleme.
Der strikte Druck des Kämmerers erzeugt Angst vor Stellenabbau und Budgetstreichungen. Um Handlungsfähigkeit zu beweisen, flüchtet sich die Kommune in Aktionismus (hunderte Einzelideen, hektisches Umplanen). Das blockiert genau die Ressourcen, die man jetzt für eine strukturierte Neuausrichtung bräuchte.
Wie wäre es, die eindimensionale Kostendimension zu verlassen? Wie wäre es, kurzfristigen Entlastungen mittelfristige positive Entwicklungspfade gegenüberzustellen? Wie wäre es mit einer Lösung der dritten Ordnung, die sich aus der fatalen Logik des alternativlosen SOFORT befreit? Wie wäre es, gleichermaßen betriebswirtschaftlich als auch sozial zu denken? Wie wäre es, dysfunktionale Strukturen abzuschaffen und ausschließlich in zukunftsfähige kommunale Strukturen zu investieren?
Denn Tatsache ist ebenfalls, dass sich in den letzten Jahrzehnten in den Kommunen auch viel Wildwuchs breitgemacht hat: es entstanden selbstreferenzielle Systeme ohne Wirkungsgrad und gesellschaftlichen Mehrwert. Vieles glänzt an der Oberfläche mit wenig Substanz dahinter
Zum Beispiel Fördergelder für Prestigeprojekte, Mobilitätskonzepte, Klimaschutzberichte, überbordende Dokumentations- und Berichtspflichten, Konferenzen, Gremien, runde Tische, Koordinierungsstellen, Netzwerke, Wildwuchs kommunaler Gesellschaften, Abteilungen ohne Budget (wie Digitalisierung, Klima, Integration, Quartiermanagement), Imagekampagnen.
In diesem Sinne könnte man die aktuelle Krise auch als Chance begreifen, robust aufzuräumen und Irrwege der letzten Jahrzehnte zu beenden. Das folgt der akzeptierten Logik des Sachzwangs.
Doch für alles braucht es Mehrheiten – im Stadtrat, in der Gemeindeverwaltung, in der Bürgerschaft. Und jeder hat sein Pläsier, sein Lieblingsprojekt, seine speziellen Connections, die es zu bedienen gilt, um auf verschlungenen Wegen eigene Vorteile daraus zu ziehen. Selbst in offensichtlich dysfunktionalen Systemen gibt es immer Gewinner, seien Sie dessen versichert. Und all das ist menschlich. Und nachvollziehbar. Und teuer für die Allgemeinheit.
Der Sachstand September 2026
Die kommunale Finanzpolitik mutiert im Herbst 2026 vielerorts zum Krisenmanagement. Professionell aufgestellte Kommunen suchen nach Lösungen, die Haushaltskonsolidierung mit Organisationsreform, Digitalisierung, der Priorisierung von Investitionen und interkommunaler Zusammenarbeit zu verbinden.
Die aktuelle Datenlage mit Blick auf Destatis, KfW, Veröffentlichungen der kommunalen Spitzenverbände, konkrete Haushaltsentscheidungen einzelner Städte, die Regionalberichterstattung (zum Beispiel MDR und BR) sowie das KGSt-FORUM im September 2026 in Leipzig zeichnet folgendes Bild.
Das Finanzproblem ist strukturell
2025 haben die Gemeinden und Gemeindeverbände in Deutschland – ohne Stadtstaaten – ein Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro verbucht. Das war der höchste Fehlbetrag seit der deutschen Einheit und noch einmal 7,1 Milliarden Euro mehr als 2024. 7,5 Prozent der kommunalen Ausgaben waren damit nicht mehr durch reguläre Einnahmen gedeckt.
Das KfW-Kommunalpanel 2026 bestätigt die Schieflage: 44 Prozent der Kommunen beurteilen ihre Finanzlage inzwischen als mangelhaft, neun von zehn Kommunen erwarten eine weitere Verschlechterung. Die kommunalen Schulden stiegen 2025 um 16 Prozent auf 196 Milliarden Euro; die Kassenkredite nahmen sogar um 21 Prozent zu. Gleichzeitig erreichte der Investitionsrückstand mit 231,2 Milliarden Euro einen Rekordwert – allein 68,9 Milliarden Euro bei Schulen und 53,7 Milliarden Euro bei Straßen.
Und 2026 bringt nach Einschätzung der kommunalen Spitzenverbände keine Entspannung: Sie prognostizieren für dieses Jahr ein Defizit von 29,7 Milliarden Euro, danach 29,6 Milliarden 2027, 28,9 Milliarden 2028 und 28,4 Milliarden 2029. Das wären in vier Jahren nahezu 120 Milliarden Euro zusätzliche Finanzierungslücken. Die Zinsausgaben könnten von 3,7 Milliarden Euro auf 8,8 Milliarden Euro im Jahr 2029 steigen.
13 Maßnahmen gegen die Finanzkrise
1. Haushaltssperren: die finanzielle Notbremse
Die sichtbarste Sofortmaßnahme 2026 ist die haushaltswirtschaftliche Sperre. Dabei werden bereits beschlossene Haushaltsmittel nicht mehr automatisch freigegeben. Neue Verpflichtungen dürfen vielfach nur eingegangen werden, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben, unabweisbar oder bereits vertraglich gebunden sind.
Nürnberg verhängte Ende Juli 2026 eine Haushaltssperre. Projekte und Vertragsabschlüsse über 50.000 Euro benötigen eine Genehmigung des Finanzreferats; noch nicht begonnene Projekte werden zunächst ausgesetzt, offene Stellen grundsätzlich nicht mehr extern ausgeschrieben. Vorausgegangen war bereits ein Konsolidierungsprogramm von rund 80 Millionen Euro jährlich. Auch BR24 berichtet, dass solche Haushaltssperren in bayerischen Kommunen mittlerweile keineswegs mehr ungewöhnlich sind.
Karlsruhe reagierte auf einen unerwarteten Einbruch der Gewerbesteuer um rund 50 Millionen Euro mit einer Stellenbesetzungssperre und anschließend einer Haushaltssperre von 60 Millionen Euro. Davon sollen rund zwölf Millionen über Personal und rund 43 Millionen Euro über städtische Beteiligungen aufgefangen werden.
Auch kleinere Städte sind betroffen. Hainichen stoppte nach sinkenden Gewerbesteuereinnahmen und geringeren Fördermitteln vorläufig mehrere Investitionen. Weißwasser musste nach Vorgaben der Kommunalaufsicht nicht notwendige Aufwendungen sperren, Investitionen einzeln überprüfen und ein Haushaltsstrukturkonzept erstellen. Zugleich führt die Stadt ein monatliches Monitoring ihrer Kassenkredite ein.
Analyse: Haushaltssperren retten Liquidität und verhindern, dass ein laufender Haushalt entgleist. Haushaltssperren sind ein Instrument der akuten Gefahrenabwehr, sie sind kein Mittel für eine strukturelle Sanierung. Haushaltssperren sind kurzfristig super, mittelfristig fragwürdig, langfristig überwiegen die zerstörerischen Kräfte. Eine Haushaltssperre muss als Moratorium verstanden werden für einen ehrlichen Kassensturz und eine sachgerechte Überprüfung kommunaler Mittel auf ihre Wirksamkeit hin.
- Wirksamkeit: Sehr hoch (kurzfristig). Der Mittelabfluss wird ad hoc gestoppt, da neue Verpflichtungen außerhalb gesetzlicher Pflichten blockiert werden.
- Effizienz: Hoch. Minimaler bürokratischer Aufwand bei maximaler psychologischer und monetärer Wirkung im laufenden Haushaltsjahr.
- Machbarkeit: Sehr hoch. Liegt voll in der gesetzlichen Kompetenz des Kämmerers bzw. der Verwaltungsspitze und erfordert meist keine langwierigen Ratsbeschlüsse.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Sehr gering. Es handelt sich um ein reines Moratorium. Der strukturelle Aufwand wird nicht gesenkt; oft drohen nach Aufhebung Nachholeffekte, die das Defizit im Folgejahr vergrößern.
- Demokratische Verankerung: Kritisch. Die Exekutive (Kämmerei) greift massiv in das Budgetrecht des gewählten Rates ein, indem sie bereits beschlossene Mittel einfriert.
- Transparenz: Mittel. Intern durch starre Wertgrenzen klar geregelt, für den Bürger jedoch oft undurchsichtig, welche konkreten Angebote plötzlich wegfallen.
- Management: Operativ-reaktiv. Es fordert primär Kontroll- und Freigabeprozesse in der Kämmerei (z. B. Einzelfallprüfungen), bindet dort Ressourcen und blockiert strategisches Management durch akuten Aktionismus.
- Erfolgswahrscheinlichkeit (für dauerhafte Sanierung): 2 / 10 (Als reiner Liquiditätsschutz: 9/10).
2. Investitionen: priorisieren, verschieben oder streichen
Der zweite große Hebel ist die Investitionsplanung. Was nicht zwingend begonnen werden muss, wird gestreckt, neu bewertet oder ganz gestrichen. Die Juni-Erhebung des Deutschen Städtetages 2026 zeigt, dass inzwischen unter anderem die Sanierung von Schulen und Kitas, Straßen und Radwegen, Sportstätten, Verwaltungsgebäuden, energetische Sanierungen, Photovoltaikprojekte und Klimaanpassungsmaßnahmen von Einsparungen betroffen sind.
Die Beispiele sind drastisch. Krefeld stellt unter anderem den Bau einer zweiten Berufsfeuerwache zurück und hat Kita-Neubauten sowie die Sanierung maroder Bäder und Sporthallen ausgebremst. Leipzig stoppte vorerst den geplanten Neubau von Volkshochschule und Musikschule mit einem Investitionsvolumen von rund 200 Millionen Euro und verschiebt Schul-, Kita- und Verkehrsprojekte. Dresden, zwei Jahrzehnte ohne neue Verschuldung, nimmt inzwischen wieder Kredite für unverzichtbare Straßen- und Brückeninvestitionen auf.
Analyse: Damit entsteht allerdings das klassische Konsolidierungsdilemma. Wer heute nicht investiert, kauft sich neben einer kurzfristigen Verbesserung der Liquidität auch den erhöhten Sanierungsbedarf von morgen dazu. Der Investitionsrückstand von 231,2 Milliarden Euro zeigt bereits, wohin eine länger anhaltende Investitionszurückhaltung führt.
- Wirksamkeit: Sehr hoch (kurzfristig). Großprojekte entlasten bei Streichung sofort den Finanzierungshaushalt.
- Effizienz: Gering. Es wird primär am Input gespart, ohne die zugrundeliegenden Prozesse zu optimieren.
- Machbarkeit: Mittel. Das Streichen von Prestigeprojekten (Sportstätten, Kitas) führt zu heftigen politischen und gesellschaftlichen Widerständen im Stadtrat und der Bürgerschaft.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Katastrophal. Es befeuert das „Konsolidierungsdilemma“. Der Investitionsrückstand wird weiter in die Zukunft verschoben. Die Sanierungskosten von morgen steigen exponentiell an (Zinseszins-Effekt des Verfalls).
- Demokratische Verankerung: Hoch. Der Stadtrat entscheidet direkt über die Priorisierung des Investitionsprogramms.
- Transparenz: Hoch. Streichlisten werden im Rat öffentlich debattiert und sind über Haushaltspläne einsehbar.
- Management: Schwierig. Es erfordert ein professionelles Projektportfolio-Management, mutiert in der Praxis mangels Datenbasis aber oft zu einem unkoordinierten „Rasenmäher-Prinzip“.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 4 / 10 (Erkauft kurzfristig Luft, zerstört aber die langfristige Substanz).
3. Personal: Einstellungsstopps, Stellenabbau und natürliche Fluktuation
Personal ist einer der wenigen größeren Ausgabenblöcke, auf den Kommunen zumindest teilweise unmittelbar Einfluss nehmen können. Entsprechend häufig sind Stellenbesetzungssperren, Wiederbesetzungssperren und der Abbau von Stellen über natürliche Fluktuation.
In Cottbus sollen von 2025 bis 2028 jährlich 28 Vollzeitäquivalente wegfallen, kumuliert 112 Stellen; der Städtetag nennt dafür rund 8,2 Millionen Euro geringere Personalaufwendungen. Magdeburg sperrt seit fast zwei Jahren die Besetzung vakanter und freiwerdender Stellen, Rostock hat den Personalbestand der Kernverwaltung gedeckelt.
Noch weiter geht Leverkusen: Dort hat der Rat eine Reduzierung um 766 Vollzeitäquivalente bis 2040 beschlossen. Der Stellenabbau ist Teil eines umfassenderen Transformationsprozesses mit Digitalisierung und organisatorischer Neuordnung.
Beim KGSt-FORUM 2026 stellte Leipzig seinen Personaltransfer als internen Arbeitsmarkt vor: Statt bei Stellenabbau Beschäftigte lediglich freizusetzen, sollen Nachbesetzung, Qualifizierung und interne Vermittlung systematisch miteinander verbunden werden. Das ist ein deutlicher Paradigmenwechsel: Personalkonsolidierung bedeutet hier „weniger Stellen mit weniger Köpfen bei gleichzeitig höherer Produktivität“.
Analyse: Es bleibt abzuwarten, ob das für Arbeitnehmer, die sich bewusst für den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber entschieden haben, attraktiv ist. Zudem vermischt diese Lösung zwei ökonomische Prinzipien, die jedes für sich wunderbar funktionieren, aber nicht in der Kombination miteinander. Entweder definiere ich eine Zielgröße und stelle den dafür notwendigen Input bereit oder ich definiere den Input und erwirtschafte das damit mögliche Maximum. Was noch nie funktioniert hat – maximale Ziele bei minimalem Input erreichen.
- Wirksamkeit: Mittel bis hoch. Da Personal einer der größten Ausgabenblöcke ist, wirken Deckelungen (wie in Rostock oder Leverkusen) spürbar.
- Effizienz: Schlecht, wenn rein quantitativ über Fluktuation verfahren wird. Es gehen oft Leistungsträger und Fachkräfte, während dysfunktionale Strukturen unberührt bleiben.
- Machbarkeit: Mittel. Starker Widerstand von Personalräten und Gewerkschaften. Der im Text erwähnte „Leipziger Personaltransfer“ (interner Arbeitsmarkt) erhöht die Akzeptanz, erfordert aber massive Qualifizierung.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Hoch. Einmal abgebaute Stellen entlasten den Ergebnishaushalt dauerhaft von Versorgungs- und Lohnkosten.
- Demokratische Verankerung: Mittel. Der Stellenplan wird vom Rat beschlossen, die operative Umsetzung (Besetzungssperren) obliegt der Verwaltung.
- Transparenz: Mittel. Stellenpläne sind öffentlich, das schleichende Ausbluten einzelner Ämter wird für den Bürger erst durch längere Wartezeiten spürbar.
- Management: Höchst komplex. Verstößt oft gegen das ökonomische Prinzip, wenn maximale Ziele bei minimalem Personal-Input gefordert werden. Erfordert ein radikales Umdenken hin zu „weniger Köpfe bei höherer Produktivität“.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 5 / 10 (Nur erfolgreich, wenn zeitgleich Prozesse digitalisiert und verschlankt werden).
4. Freiwillige Leistungen: Leistungsstandards reduzieren
Besonders schnell erreichbar sind Einsparungen bei den freiwilligen Leistungen einer Kommune, zum Beispiel in den Bereichen, Kultur, Bildung, Sport, Freizeit, Soziales, Gesundheit, Förderung von Vereinen, Veranstaltungen, Wirtschaftsförderung, Tourismusförderung.
Der Städtetag dokumentiert unter anderem kürzere Öffnungszeiten von Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen, weniger Kultur- und Sportförderung, weniger Veranstaltungen, Kürzungen in Jugendarbeit und Schulsozialarbeit sowie Einschränkungen kommunaler Serviceleistungen. Geprüft werden sogar Schließungen von Einrichtungen, niedrigere Wassertemperaturen in Schwimmbädern sowie Kürzungen bei Sucht- und Schuldnerberatung.
Saarbrücken kürzt ausgewählte Aufwandsbudgets pauschal um fünf Prozent und verlangt grundsätzlich, neue Aufgaben innerhalb bestehender Budgets zu finanzieren. Stuttgart hat Budgets gekürzt, Investitionen verschoben und die Stellenbesetzung im Bereich freiwilliger Leistungen gestoppt.
Analyse: Hier schlummert die wirtschaftspolitisch und sozialpolitisch größte Gefahr: Kultur, Sport, Bildung, öffentliche Räume und funktionierende Infrastruktur gehören zu den weichen Standortfaktoren einer Kommune. Die freiwilligen Leistungen dienen im Kern dem sozialen Zusammenhalt. In diesen Leistungen nimmt die Bürgerschaft ihre Kommune als lebenswert war. Insbesondere wertschöpfungsintensive Unternehmen, die qualifizierte Mitarbeiter langjährig an sich binden wollen, investieren neben den harten Standortfaktoren insbesondere in Kommunen, die ein attraktives und vielfältiges Umfeld bieten. Weiterhin ist fraglich, inwieweit die Bürgerschaft reduzierte Leistungen bei gleichbleibenden Preisen goutiert.
- Wirksamkeit: Mittel. Spart sofort liquide Mittel (Kürzung von Vereinsgeldern, Schließzeiten von Bädern), macht aber historisch nur einen kleineren Teil des Gesamthaushalts aus.
- Effizienz: Gering. Die administrativen Vorhaltezeiten (z. B. Gebäudeunterhalt für Museen) bleiben oft trotz verkürzter Öffnungszeiten konstant.
- Machbarkeit: Sehr schwer. „Pläsierchen“ und Lieblingsprojekte von Bürgern und Stadträten werden hart verteidigt. Kürzungen bei Suchtberatung, Jugendhilfe oder Kultur beschädigen den sozialen Zusammenhalt massiv.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Negativ. Beschädigt die weichen Standortfaktoren. Wertschöpfende Unternehmen und Fachkräfte wandern ab, was mittelfristig die Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen einbrechen lässt.
- Demokratische Verankerung: Hoch. Jede Kürzung bedarf eines harten politischen Beschlusses des Rats.
- Transparenz: Sehr hoch. Kürzungen treffen den Bürger direkt im Alltag (z. B. niedrigere Wassertemperaturen) und erzeugen maximale öffentliche Debatten.
- Management: Konfliktgetrieben. Erfordert den SROI-Ansatz (Social Return on Investment), um weg von emotionalen Debatten hin zu faktenbasierter Wirkung zu kommen.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 3 / 10 (Wirtschafts- und sozialpolitisch hochgefährlich).
5. Steuern, Gebühren und Preise: Mehr und neue Einnahmen
Die Einnahmeseite wird 2026 deutlich offensiver genutzt. Der Städtetag nennt höhere Parkgebühren, die Grundsteuer B, Hundesteuer und Vergnügungssteuer sowie Zweitwohnungs-, Beherbergungs- und zum Teil Verpackungssteuern. Hinzu kommen höhere Eintrittspreise und Gebühren.
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Rodgau. Ausgangspunkt war ein Fehlbetrag von rund 14,1 Millionen Euro. Zunächst wurden intern knapp 5,6 Millionen Euro eingespart – unter anderem durch eine Stellenbesetzungssperre, weniger Grünpflege, weniger abrechenbare politische Sitzungen und die Absage des Stadtfestes. Weil das nicht reichte, erhöhte die Stadt die Grundsteuer B von 877,5 auf 1.250 Prozentpunkte, die Gewerbesteuer, die Hundesteuer und die Spielapparatesteuer und führte Zweitwohnungs- sowie Übernachtungssteuer ein. Auch Hannover erhöhte die Grundsteuer und führte eine Beherbergungssteuer ein; Ludwigshafen erhöhte die Grundsteuer B, die Hunde- und Vergnügungssteuer.
Analyse: Die kreative Generierung von mehr und neuen Einnahmen führt in ein wirtschaftliches Dilemma. Standortattraktivität, Wohnkosten und kommunale Akzeptanz geraten unter Druck. Gerade bei der Gewerbesteuer geraten Kommunen in einen Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Einnahmensicherung und langfristiger Standortpolitik.
- Wirksamkeit: Hoch. Erhöhungen der Grundsteuer B oder der Gewerbesteuer füllen die Kassen direkt.
- Effizienz: Hoch. Die Hebung bestehender Steuersätze erfordert kaum administrativen Zusatzaufwand.
- Machbarkeit: Mittel. Politisch hochgradig unpopulär. Führt zu heftigem Widerstand der lokalen Wirtschaft und der Mieter/Eigentümer.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Fragwürdig. Das wirtschaftliche Dilemma: Höhere Steuern belasten die Wohnkosten und schwächen die interkommunale Wettbewerbsfähigkeit. Langfristig droht die Erosion der Steuerbasis durch Abwanderung.
- Demokratische Verankerung: Hoch. Steuerhebesätze und Gebührenordnungen unterliegen der exklusiven Beschlusskompetenz des Stadtrats.
- Transparenz: Hoch. Die Belastung für den Bürger ist direkt auf dem Grundsteuer- oder Gebührenbescheid ablesbar.
- Management: Einfach. Rein fiskalische Anpassung von Parametern in den Finanzsystemen.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 6 / 10 (Löst kurzfristig Einnahmenprobleme, gefährdet aber die langfristige Standortpolitik).
6. Konsolidierung: Stadtwerke und kommunale Beteiligungen
Ein auffälliges Thema 2026 ist die Beteiligungssteuerung von Kommunen. Unter Beteiligungssteuerung von Kommunen versteht man die strategische Ausrichtung, Überwachung und operative Betreuung von Unternehmen und Organisationen, an denen eine Gemeinde, Stadt oder ein Landkreis finanziell beteiligt sind. Da kommunale Beteiligungsunternehmen (wie Stadtwerke, Verkehrsbetriebe oder Wohnungsbaugesellschaften) einen erheblichen Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge leisten, stellt die Steuerung sicher, dass diese Unternehmen im Sinne des Gemeinwohls und der politischen Ziele handeln. In der Praxis bildet diese Funktion den Rahmen für den sogenannten „Konzern Kommune“.
Karlsruhe finanziert einen erheblichen Teil seiner Haushaltssperre über Beteiligungen: unter anderem durch einen geringeren Verlustausgleich an die kommunale Holding sowie Ausschüttungen kommunaler Gesellschaften.
Halle beschloss im März ein Konsolidierungspaket, bei dem unter anderem eine höhere Gewerbesteuer und zusätzliche Ausschüttungen der Stadtwerke zur Entlastung des Haushalts beitragen. Der MDR berichtete von einem Paket von rund 17 Millionen Euro für 2026.
Eine besondere Variante wurde beim KGSt-FORUM 2026 diskutiert: das „Schütt-aus-hol-zurück-Verfahren“. Dabei werden Gewinne kommunaler Beteiligungsgesellschaften zunächst ausgeschüttet und anschließend als Kapitaleinlage wieder zugeführt. Lünen nutzt dieses Gestaltungsinstrument, um die Genehmigungsfähigkeit eines defizitären Haushalts zu unterstützen.
Das KfW-Kommunalpanel zeigt zugleich die Grenzen: Während 97 Prozent der kommunalen Energieversorger sich nach Angaben der befragten Kommunen selbst tragen, mussten zuletzt 52 Prozent der kommunalen Nahverkehrsunternehmen durch ihre Kommunen bezuschusst werden. Beteiligungen sind also keineswegs automatisch eine Geldquelle.
Analyse: Neben den unbestreitbaren Vorteilen wie steuerlicher Querverbund, Deckelung von Verlusten und Risikoabschirmung bei Insolvenzen steht der Nachteil des Demokratieverlustes. Sobald Aufgaben in GmbHs ausgelagert werden, tagen deren Aufsichtsräte nicht öffentlich. Oft berufen sich die Geschäftsführer gegenüber gewählten Stadträten auf Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse. Plötzlich weiß der Stadtrat nicht mehr genau, was mit den Millionen passiert, die er dorthin überweist. Und ein normaler Stadtrat ist in der Regel kein Finanzprofi, der die Dinge weder durchschauen noch bewerten kann.
- Wirksamkeit: Mittel. Über das „Schütt-aus-hol-zurück-Verfahren“ oder reduzierte Verlustausgleiche kann der Kernhaushalt kurzfristig entlastet werden.
- Effizienz: Mittel. Nutzt steuerliche Querverbünde, verschleiert aber oft die echten Kosten der Daseinsvorsorge.
- Machbarkeit: Schwierig. Viele Beteiligungen sind selbst Defizitbringer und keine Cash-Cows.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Gering. Das Ausquetschen von Stadtwerken reduziert deren Eigenkapitalquote und gefährdet dringend notwendige Investitionen in die Energie- und Wärmewende.
- Demokratische Verankerung: Schlecht (Demokratieverlust). Aufsichtsräte tagen nicht-öffentlich; Geschäftsführer berufen sich auf Betriebsgeheimnisse, wodurch der gewählte Stadtrat oft die Kontrolle über die Finanzströme verliert.
- Transparenz: Gering. Die intransparenteste Form der Haushaltskonsolidierung („Schattenhaushalte“).
- Management: Komplex. Erfordert eine hochprofessionelle, kaufmännische Beteiligungssteuerung im „Konzern Kommune“, die ehrenamtliche Stadträte oft überfordert.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 4 / 10.
7. Interkommunale Zusammenarbeit: vom politischen Wunsch zum betriebswirtschaftlichen Instrument
Das ist einer der wichtigsten Trends des Jahres 2026. Angesichts kollabierender Haushalte, steigender Pflichtaufgaben und des demografischen Wandels beim Personal ist die IKZ – Interkommunale Zusammenarbeit zu einem überlebenswichtigen Restrukturierungswerkzeug geworden. Sie überführt kleinteilige, ineffiziente Verwaltungsstrukturen in moderne, skalierbare Service-Einheiten. Das betrifft perspektivisch gerade kleinere und mittlere Gemeinden: IT, Einkauf, Personalabrechnung, Fördermittelmanagement, Vergabe, Datenschutz, Spezialistenfunktionen oder Projektsteuerung müssen nicht überall vollständig separat vorgehalten werden.
Lünen und der Kreis Unna wollen Beschaffung zentralisieren, Einkaufsvolumina bündeln, Projekte gemeinsam steuern, IT-Strukturen gemeinsam aufbauen und das Fördermittelmanagement zentralisieren. Auch die gemeinsame Wahrnehmung ganzer Verwaltungsleistungen wird geprüft. Der zuständige Lüner Beigeordnete formuliert ausdrücklich, in der Haushaltskrise könne nicht mehr jede Kommune alles allein vorhalten.
Die Region Hannover verfolgt im Haushaltssicherungskonzept ebenfalls neue interkommunale Kooperationsformen im IT-Bereich sowie Digitalisierung und verschlankte Strukturen. Das Konsolidierungsvolumen 2026 liegt bei rund 96 Millionen Euro.
Aber: Die IKZ teilt ein Schicksal mit vielen politischen Moden. Auf dem Papier klingt sie fantastisch. Bürgermeister beschwören bei Neujahrsempfängen gerne die regionale Synergie, das Zusammenrücken in der Krise und gemeinsame Gewerbegebiete. In der Realität scheiterte dieser rein politische Wunsch historisch jedoch reihenweise. Warum? Weil zwei Nachbarkommunen oft wie Hund und Katze agieren. Man neidet dem anderen den neuen Betrieb, sorgt sich um den Verlust der eigenen Identität und verheddert sich in Kirchturmpolitik.
Analyse: Der echte Durchbruch gelingt erst, wenn IKZ von der politischen Willenserklärung zu einem strengen, betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstrument weiterentwickelt wird. Wenn Kämmerer nicht mehr über Freundschaft reden, sondern über Skaleneffekte, Grenzkosten und Service Level Agreements. Wenn Bürgermeister und Gemeinderäte Kompetenzen abgeben, um das Autonomie-Paradoxon zu überwinden. Wenn Standards harmonisiert werden. Wenn die Rechtsform passend ist. Die Rechtsform entscheidet darüber, wie flexibel das neue Gebilde agieren kann.
- Wirksamkeit: Sehr hoch (mittelfristig). Durch die Bündelung von IT, Einkauf, Vergabe oder Bauhöfen entstehen echte Skaleneffekte und Grenzkostenvorteile.
- Effizienz: Sehr hoch. Verhindert, dass jede kleine Gemeinde teure Spezialistenfunktionen oder redundante IT-Systeme separat vorhalten muss.
- Machbarkeit: Schwer. Scheitert historisch oft an emotionalen Identitätsdebatten, Kirchturmpolitik und interkommunalem Neid. Erfordert zwingend externe Moderation.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Sehr hoch. Schafft dauerhaft schlanke, skalierbare Service-Einheiten und senkt die strukturellen Betriebskosten nachhaltig.
- Demokratische Verankerung: Mittel. Zweckverbände oder gemeinsame Kommunalunternehmen geben Kompetenzen ab (Autonomie-Paradoxon), was die direkte Durchgriffsmacht lokaler Räte schwächt.
- Transparenz: Mittel. Verträge und Service Level Agreements (SLAs) regeln die Zusammenarbeit intern präzise, für den Bürger wird die Verwaltung jedoch distanzierter.
- Management: Anspruchsvoll. IKZ muss als hartes betriebswirtschaftliches Steuerungsinstrument statt als politische Wohlfühl-Absichtserklärung gemanagt werden.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 7 / 10 (Wichtigster struktureller Hebel für kleinere Kommunen).
8. Digitalisierung und KI: der Produktivitätshebel
Digitalisierung und KI galt lange als Modernisierungsprojekt. 2026 werden sie zunehmend als Konsolidierungsinstrument gehandelt. Angesichts klammer Haushalte und eines massiven Fachkräftemangels (bis 2030 werden laut Demografie-Prognosen hunderte Generationen-Abgänge in den Rathäusern unbesetzt bleiben) geht es längst nicht mehr um das „ob“, sondern um das „wie“. KI und Automatisierung verändern das kommunale Controlling, die Beteiligungssteuerung und die Kernverwaltung radikal. Doch wo hohe Effizienzgewinne winken, lauern im öffentlichen Sektor auch spezifische, teure Fallstricke.
Mainz, Ludwigshafen, Trier und Koblenz haben eine fünfjährige KI-Kooperation vereinbart. Anwendungen sollen gemeinsam entwickelt und getestet werden, damit nicht vier Verwaltungen dieselben Lösungen separat finanzieren. Geplant sind unter anderem intelligente Recherchen in Ratsinformationssystemen und interne KI-Assistenten für Recherche-, Text- und Routinearbeiten. Das Land Rheinland-Pfalz fördert das Projekt mit 370.000 Euro.
Noch deutlicher wurde das auf dem KGSt-FORUM. Dort war eine eigene Programmlinie „Haushalte stabilisieren und steuern“ eingerichtet. Der Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen und die KGSt diskutierten unter dem Titel „Intelligente Haushaltskonsolidierung“, wie automatisierte Verwaltungsabläufe, datenbasierte Analysen, Szenariorechnungen und KI genutzt werden können, um Ausgaben und Budgets systematischer zu prüfen und fiskalische Langzeitwirkungen abzuschätzen.
Das ist erheblich mehr als „Digitalisierung spart Papier“: Prozessautomation, Standardisierung und KI sollen die Verwaltung trotz schrumpfender personeller Ressourcen leistungsfähig halten. Vor dem Hintergrund der aktuellen Personalsituation in den Kommunen sei auf die Risiken verwiesen. Kommunen landen schnell in der Ermessens-Falle. KI darf assistieren, Entwürfe schreiben und Daten sortieren – aber sie darf den Verwaltungsakt im Regelfall nicht vollautomatisch final unterschreiben, wenn Spielräume existieren.
Analyse: Kommunen müssen lernen, KI konsequent als Assistenzsystem zu designen, um nicht juristisch angreifbar zu sein. Es dräut das Daten-Chaos. KI benötigt strukturierte, saubere Daten. Die Realität in Kommunen besteht jedoch oft aus Datensilos: Das Jugendamt nutzt Software A, die Kämmerei Software B, und die Stadtwerke haben eigene Systeme. Ohne eine vorherige Bereinigung und Harmonisierung der Datenarchitektur (Data Governance) halluziniert oder versagt jede KI. Die Digitalisierung schlecht organisierter, analoger Prozesse führt lediglich zu schlechten digitalen Prozessen. Garbage in – Garbage out.
- Wirksamkeit: Sehr hoch (langfristig). Prozessautomation und KI-Assistenten fangen den demografischen Fachkräftemangel in den Rathäusern strategisch auf.
- Effizienz: Exzellent. Ermöglicht fallabschließende Bearbeitungen ohne teure personelle Ressourcen, senkt die Fehlerquote und beschleunigt Durchlaufzeiten.
- Machbarkeit: Technisch und organisatorisch extrem schwer. Kommunen leiden unter dem „Daten-Chaos“ (Datensilos in verschiedenen Ämtern). Zudem blockieren rechtliche Hürden (Ermessens-Falle bei Verwaltungsakten) den Vollzug.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Sehr hoch. Nach hohen initialen Investitionskosten sinken die Grenzkosten pro Prozessschritt massiv.
- Demokratische Verankerung: Mittel. Algorithmen müssen diskriminierungsfrei und politisch legitimiert sein; die finale Verantwortung muss beim Menschen bleiben.
- Transparenz: Zweischneidig. Nach außen hin schnellere Prozesse für Bürger; intern droht die KI-Entscheidung zu einer Blackbox zu werden.
- Management: Höchste Komplexität. „Garbage in – Garbage out“: Schlechte analoge Prozesse digitalisiert ergeben nur schlechte digitale Prozesse. Erfordert rigorose Data Governance.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 6 / 10 (Enormes Potenzial, scheitert in der Praxis aber oft an der Kultur-Barriere und der IT-Infrastruktur).
9. Prozesse und Aufgaben: Hinterfragen mit System
Mit 8. Digitalisierung und KI verbunden ist die klassische Aufgabenkritik: Muss die Kommune die Aufgabe überhaupt wahrnehmen? Muss sie sie in diesem Umfang wahrnehmen? Muss sie sie selbst wahrnehmen? Kann der Prozess einfacher oder vollständig digital laufen?
Karlsruhe hat bei früheren Haushaltssicherungsprozessen dafür einen Instrumentenkoffer eingesetzt, der von Aufgabenkritik und Prozessoptimierung über Büroflächenmanagement bis zur Fördermittelakquise reicht.
Beim KGSt-FORUM 2026 wurde am Beispiel des Landkreises Mittelsachsen gezeigt, wie Finanz- und Leistungssteuerung, Priorisierung im Haushalt, Digitalisierung und Bürokratieabbau miteinander verbunden werden können.
Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Sparen und Konsolidieren: Sparen heißt, von derselben Leistung weniger anzubieten. Konsolidieren kann auch heißen, dieselbe Leistung mit einem anderen Prozess, einer anderen Organisation oder gemeinsam mit anderen Kommunen günstiger zu erbringen.
Analyse: Aufgabenkritik scheitert in der Praxis oft an der Unterscheidung zwischen „wünschenswert“ und „notwendig“. Ein Prozess wird nicht dadurch besser, dass man ihn hinterfragt, sondern indem man die Kernleistung vom bürokratischen Ballast befreit. Konsolidierung bedeutet hier, Strukturen mutig zu verschlanken, statt dieselbe Ineffizienz mit weniger Personal durchzuschleppen.
- Wirksamkeit: Hoch. Das systematische Streichen von bürokratischem Ballast und die Unterscheidung zwischen „wünschenswert“ und „notwendig“ befreit Kernleistungen.
- Effizienz: Hoch. Konsolidiert Strukturen mutig, statt dieselbe Ineffizienz mit weniger Personal durchzuschleppen.
- Machbarkeit: Mittel bis schwer. Jede Aufgabe hat in der Verwaltung ihren „Besitzer“ und Verteidiger. Kulturbarrieren und Gewohnheiten der Belegschaft erfordern intensives Veränderungsmanagement.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Sehr hoch. Durch die dauerhafte Vereinfachung oder den Verzicht auf Aufgaben sinkt das strukturelle Budgetniveau nachhaltig.
- Demokratische Verankerung: Hoch. Der Rat entscheidet politisch über den Verzicht oder die Reduzierung von Standards.
- Transparenz: Mittel. Intern durch strukturierte Instrumentenkoffer gut abbildbar, nach außen schwer zu kommunizieren.
- Management: Herausfordernd. Braucht klare methodische Standards und Benchmarks im Vergleich zu anderen Kommunen.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 6 / 10.
10. Wirkung und Finanzierbarkeit: Professionelles Portfolio-Management
Auch das Projektmanagement verändert sich. Das KGSt-FORUM 2026 formulierte dies bemerkenswert klar: Projektagenda und Haushalt sollen direkt gekoppelt und Projekte streng priorisiert werden. Projekte müssten ihre Wirkung nachweisen und möglichst selbst zu künftigen Einsparungen beitragen – etwa durch Verwaltungsmodernisierung.
Das bedeutet praktisch: Nicht mehr „Wir haben ein gutes Projekt – wie finanzieren wir es?“, sondern zunehmend „Welches unserer Projekte erzeugt angesichts knapper Mittel die größte Wirkung? Welche Folgekosten entstehen? Welches Projekt können wir uns dauerhaft leisten?“ Diese Form der Portfoliosteuerung dürfte sich in den kommenden Jahren zu einem Kernelement kommunaler Haushaltsführung entwickeln.
Analyse: Die Abkehr von der reinen Projektlogik hin zur Portfoliosteuerung ist überfällig. Kommunen müssen lernen, dass jedes neu geschaffene Angebot unweigerlich Folgekosten im Ergebnishaushalt nach sich zieht. Nur wer den Lebenszyklus einer Investition von Anfang an einpreist, verhindert das schleichende Ersticken der künftigen Liquidität.
- Wirksamkeit: Sehr hoch. Radikaler Paradigmenwechsel: Nicht mehr „Wir haben ein gutes Projekt – wie finanzieren wir es?“, sondern „Welches Projekt erzeugt die größte Wirkung bei geringsten Folgekosten?“
- Effizienz: Sehr hoch. Allokiert knappe Finanzmittel exklusiv dort, wo der höchste gesellschaftliche oder monetäre ROI erzielt wird.
- Machbarkeit: Mittel. Verlangt von Politikern den Verzicht auf isolierte Lieblingsprojekte zugunsten eines rationalen Gesamtportfolios.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Exzellent. Verhindert das schleichende Ersticken der künftigen Liquidität durch unberücksichtigte Folgekosten im Ergebnishaushalt.
- Demokratische Verankerung: Hoch. Der parteiübergreifende Konsens über ein priorisiertes Portfolio sichert die demokratische Legitimation.
- Transparenz: Sehr hoch. Schafft ein empirisch untermauertes, glasklares Ergebnistableau.
- Management: Strategisch anspruchsvoll. Koppelt Projektagenda und Haushalt direkt und beendet die klassische, unkoordinierte Einzelprojektlogik.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 8 / 10 (Zentraler betriebswirtschaftlicher Schlüsselbaustein).
11. Investitionsportfolios: Fördermittel priorisieren
Bei Investitionen wird inzwischen stärker darauf geachtet, Fördermittel nicht erst nach der Projektentscheidung, sondern bereits bei der Priorisierung des gesamten Investitionsportfolios einzubeziehen.
Die PD (Partnerschaft Deutschland) – Berater der öffentlichen Hand GmbH – bietet Kommunen 2026 beispielsweise eine drittmittelbasierte Investitionssteuerung an. Projekte werden nach Förderquote, Förderwahrscheinlichkeit, Antragsaufwand, Zielbeitrag und Haushaltssituation bewertet. Ziel ist ausdrücklich, nicht einzelne Projekte isoliert, sondern ein gesamtes Maßnahmenportfolio zu steuern. Das im Juni 2026 gestartete Kommunalcockpit bündelt dazu Instrumente für Investitionssteuerung, Fördermittelrecherche und Risikoanalyse.
Auch auf dem KGSt-FORUM 2026 war Fördermittelmanagement ein Finanzthema. Die Frage lautet zunehmend nicht mehr nur: „Wo gibt es einen Fördertopf?“, sondern: „Welche Projekte ermöglichen uns mit dem geringsten Eigenmittelanteil den höchsten kommunalen Nutzen?“
Das wird angesichts des Sondervermögens für Infrastruktur besonders relevant. Die KfW meldet, dass rund jede fünfte Kommune bereits 2026 mit zusätzlichen Investitionen aus dem Sondervermögen rechnet. Allerdings warnen die kommunalen Spitzenverbände zu Recht: Investitionsmittel helfen beim Bauen, sie schließen nicht das strukturelle Defizit im Ergebnishaushalt.
Analyse: Der Fokus auf Förderquoten birgt eine gefährliche Dynamik: das „Mitnahme-Dilemma“. Oft werden Projekte nur realisiert, weil es dafür Geld vom Bund gibt, obwohl der kommunale Eigenanteil und die späteren Unterhaltskosten den Haushalt langfristig strangulieren. Ein kluges Portfoliomanagement filtert Projekte nach echtem lokalem Nutzen, nicht nach der Höhe des Subventionstopfes.
- Wirksamkeit: Mittel. Ermöglicht über digitale Tools (wie das Kommunalcockpit der PD) eine drittmittelbasierte Steuerung.
- Effizienz: Hoch (kurzfristig), da Eigenmittel minimiert und Drittmittel maximiert werden.
- Machbarkeit: Hoch. Instrumente und Beratungsangebote stehen im Markt bereit.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Gefährlich (Mitnahme-Dilemma). Wenn Projekte nur umgesetzt werden, weil es einen Subventionstopf gibt, strangulieren die späteren Unterhalts- und Folgekosten den Haushalt langfristig. Fördergelder lösen kein strukturelles Defizit im Ergebnishaushalt.
- Demokratische Verankerung: Mittel. Die Förderlandschaft von Bund/Land diktiert implizit, was die Kommune vor Ort baut, was die lokale Gestaltungsfreiheit einschränkt.
- Transparenz: Hoch. Förderquoten und Antragsverfahren sind strikt formalisiert.
- Management: Operativ einfach. Erfordert primär ein agiles, zentralisiertes Fördermittelmanagement.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 5 / 10 (Nutzt nur, wenn das Projekt ohnehin lokalen Nutzen stiftet).
12. Forderungsmanagement: Liquidität aktiv bewirtschaften
Ein unspektakuläres, aber finanziell interessantes Feld ist das konsequentere Forderungsmanagement: Gebühren, Steuern, Beiträge und sonstige Forderungen müssen schneller fakturiert, überwacht und eingezogen werden.
Das KGSt-FORUM widmete diesem Thema 2026 eine eigene Veranstaltung mit der Stadt Essen. Im Mittelpunkt standen Kennzahlen, digitale Lösungen und effizientere Prozesse, um Zahlungseingänge zu verbessern. Weißwasser wiederum führt ausdrücklich ein monatliches Monitoring seiner Kassenkreditentwicklung ein.
Das zeigt einen Wandel in den Kämmereien: Liquidität wird aktiver bewirtschaftet. Angesichts steigender Kassenkredite und Zinsen kann schnellerer Zahlungseingang heute einen messbaren finanzwirtschaftlichen Effekt haben.
Analyse: Ein konsequentes Forderungsmanagement ist die am leichtesten unterschätzte Stellschraube. Während über Steuererhöhungen gestritten wird, bleibt verdientes Geld oft monatelang in offenen Posten hängen. Digitales und automatisiertes Mahnwesen schont nicht nur die Kassenkredite, sondern ist auch ein Gebot der Fairness gegenüber den ehrlichen Steuerzahlern.
- Wirksamkeit: Mittel. Beschleunigt die Fakturierung und den Einzug von Gebühren und Steuern, was Kassenkredite und Zinslasten spürbar drückt.
- Effizienz: Sehr hoch. Generiert liquide Mittel, ohne Leistungen zu kürzen oder Steuersätze zu erhöhen.
- Machbarkeit: Sehr hoch. Rein technische und prozessuale Optimierung innerhalb der Kämmerei (z. B. digitales Mahnwesen).
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Hoch. Etabliert dauerhaft optimierte Zahlungsströme und ein professionelles Controlling.
- Demokratische Verankerung: Unstrittig. Es ist schlicht der Vollzug bestehenden Rechts und ein Gebot der Fairness gegenüber ehrlichen Steuerzahlern.
- Transparenz: Hoch durch klare Kennzahlen und feste Prozesse.
- Management: Einfach. Digitale Standardlösungen sind sofort implementierbar.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 9 / 10 (Die am leichtesten unterschätzte, am schnellsten umsetzbare Stellschraube).
13. Investitionskorridore: Klug konsolidieren
Eine bemerkenswerte Gegenbewegung lautet: Konsolidieren, ohne die Kommune kaputtzusparen. Das ist ökonomisch wesentlich vernünftiger als eine pauschale Investitionsbremse.
Die Region Hannover plant trotz eines erheblichen Defizits bis 2029 Investitionen von rund einer Milliarde Euro und versucht, grundlegende Zukunftsausgaben etwa in Schulen, Kliniken, Verkehr und Bevölkerungsschutz zu erhalten.
Auch bundesweit planen die im KfW-Kommunalpanel befragten Kommunen für 2026 rund 50 Milliarden Euro Sachinvestitionen, 14,8 Prozent mehr als der Planwert des Vorjahres. 27 Prozent davon sollen in Schulen, 23 Prozent in Straßen und Verkehr und zehn Prozent in Brand- und Katastrophenschutz fließen.
Passend dazu wurde auf dem KGSt-FORUM 2026 über „Investitionskorridore als Schlüssel für handlungsfähige Kommunen“ diskutiert – also darüber, trotz knapper Kassen einen definierten Teil der finanziellen Leistungsfähigkeit für strategisch unverzichtbare Investitionen zu reservieren.
Das ist für die Beurteilung der kommunalen Maßnahmen wichtig: Keine isolierte Maßnahme allein löst dieses strukturelle Problem. Selbst erheblich höhere Grund- und Gewerbesteuern können nach Einschätzung von Städtetag, Landkreistag und Deutschem Städte- und Gemeindebund die Lücke nicht schließen.
Analyse: Investitionskorridore sind der Königsweg der Haushaltskonsolidierung. Sie verhindern den gefürchteten „Rasenmäher-Effekt“, bei dem alles gleichermaßen kaputtgespart wird. Wer strategische Kernbereiche wie Bildung und Infrastruktur über feste Korridore schützt, sichert die Zukunftsfähigkeit der Kommune für die Zeit nach der Krise.
- Wirksamkeit: Sehr hoch. Verhindert den zerstörerischen „Rasenmäher-Effekt“, indem feste Budgets für strategisch unverzichtbare Zukunftsinvestitionen (Schulen, Infrastruktur) reserviert werden.
- Effizienz: Sehr hoch. Fokussiert Ressourcen auf den Erhalt der Kernsubstanz statt auf Prestigeprojekte.
- Machbarkeit: Mittel bis hoch. Ermöglicht politischen Konsens, da nicht alles radikal zusammengestrichen wird, sondern Kernbereiche geschützt werden.
- Finanzielle Nachhaltigkeit: Exzellent (Der Königsweg). Sichert die wirtschaftliche und infrastrukturelle Handlungsfähigkeit der Kommune für die Zeit nach der Krise.
- Demokratische Verankerung: Sehr hoch. Der Rat legt die strategischen Korridore langfristig und verbindlich fest.
- Transparenz: Sehr hoch. Klare Zuweisung von Finanzmitteln in definierte Sektoren (z. B. 27 % Schulen, 23 % Straßen).
- Management: Ausgezeichnet. Ermöglicht der Führung ein klares und verlässliches Agieren innerhalb fester, geschützter Leitplanken.
- Erfolgswahrscheinlichkeit: 8 / 10 (Ökonomisch das vernünftigste und nachhaltigste Instrument im gesamten Portfolio).
Zusammenfassende Betrachtung der 13 Maßnahmen
| Maßnahme |
Wirksamkeit |
Finanzielle Nachhaltigkeit |
Demokratische Verankerung |
Erfolgswahr-scheinlichkeit (0-10) |
| 1. Haushaltssperren |
Hoch (kurzfristig) |
Sehr gering |
Kritisch |
2 / 10 |
| 2. Investitionsstopps |
Hoch (kurzfristig) |
Katastrophal |
Hoch |
4 / 10 |
| 3. Personalabbau / Fluktuation |
Mittel bis hoch |
Hoch |
Mittel |
5 / 10 |
| 4. Kürzung freiwilliger Leistungen |
Mittel |
Negativ |
Hoch |
3 / 10 |
| 5. Steuer-/ Gebührenerhöhung |
Hoch |
Fragwürdig |
Hoch |
6 / 10 |
| 6. Beteiligungs-steuerung |
Mittel |
Gering |
Schlecht |
4 / 10 |
| 7. Interkommunale Kooperation (IKZ) |
Sehr hoch (mittelfristig) |
Sehr hoch |
Mittel |
7 / 10 |
| 8. Digitalisierung & KI |
Sehr hoch (langfristig) |
Sehr hoch |
Mittel |
6 / 10 |
| 9. Aufgabenkritik |
Hoch |
Sehr hoch |
Hoch |
6 / 10 |
| 10. Portfolio-Management |
Sehr hoch |
Exzellent |
Hoch |
8 / 10 |
| 11. Fördermittel-priorisierung |
Mittel |
Gefährlich (Mitnahme) |
Mittel |
5 / 10 |
| 12. Forderungs-management |
Mittel |
Hoch |
Unstrittig |
9 / 10 |
| 13. Investitions-korridore |
Sehr hoch |
Exzellent |
Sehr hoch |
8 / 10 |
Was ist daran 2026 wirklich neu?
Aus den Haushaltsentscheidungen und den kommunalen Fachkongressen lässt sich ein ziemlich klares Muster erkennen.
- Die erste Stufe ist defensiv: Haushaltssperre, Einstellungsstopp, Investitionsstopp, Kürzung freiwilliger Leistungen, höhere Gebühren und Steuern.
- Die zweite Stufe ist strukturell: Aufgabenkritik, Stellenabbau über Fluktuation, Prozessoptimierung, Digitalisierung, KI, Flächenreduzierung, professionelleres Beteiligungs- und Forderungsmanagement.
- Die dritte Stufe ist strategisch: interkommunale Zusammenarbeit, gemeinsame IT und Beschaffung, professionelles Fördermittelmanagement, Projektportfolios statt Einzelprojektlogik und eine bewusste Konzentration auf Investitionen, die zukünftige Kosten senken oder den Standort stärken.
Genau dieser Übergang war auch bei den kommunalen Tagungen 2026 erkennbar. Der Zukunftskongress Staat & Verwaltung im Juni mit knapp 1.800 Teilnehmern und mehr als 350 Referenten behandelte die Verwaltungsmodernisierung, KI, Bürokratieabbau, digitale Infrastruktur und neue Kooperationsmodelle ausdrücklich als Fragen der staatlichen Leistungsfähigkeit. Das KGSt-FORUM 2026 im September ging noch einen Schritt weiter: Dort wurden Haushaltssteuerung, Verwaltungsorganisation, Personal, Digitalisierung und Investitionssteuerung nicht mehr getrennt voneinander behandelt.
- Die kurzfristig wirksamsten Instrumente sind Haushaltssperren, Stellenbesetzungssperren, restriktive Mittelbewirtschaftung und die Verschiebung von Investitionen. Sie stoppen den Mittelabfluss – lösen aber das Problem nicht.
- Die politisch einfachsten Einnahmeinstrumente sind höhere Steuern, Gebühren, Parkentgelte und Eintrittspreise. Ihr Volumen ist jedoch begrenzt, und eher früher als später beschädigen sie die Akzeptanz der Bürgerschaft und die Standortqualität.
- Die größten nachhaltigen Potenziale liegen in der Aufgabenkritik, Prozessstandardisierung, Digitalisierung und Automatisierung, interkommunaler Zusammenarbeit, professioneller Beteiligungssteuerung sowie einer wesentlich schärferen Priorisierung von Investitionen und Projekten. Diese Maßnahmen brauchen allerdings zwei bis fünf Jahre, bevor relevante finanzielle Effekte eintreten.
Und genau darin liegt das Dilemma von 2026: Die Kommunen benötigen kurzfristig Geld, während die sinnvollsten Reformen langfristig wirken. Wie schon Karl-Heinz Rummenigge 2007 sagte: „Wir brauchen eine langfristige Strategie, die kurzfristig wirkt.“
Deshalb ist die Warnung der kommunalen Spitzenverbände ökonomisch plausibel: Lokale Konsolidierung ist notwendig, aber sie kann eine strukturelle Finanzierungslücke von rund 30 Milliarden Euro jährlich nicht schließen. Die kommunalen Spitzenverbände verlangen deshalb neben eigenen Konsolidierungsanstrengungen eine stärkere Finanzierung über Bund und Länder und vor allem die konsequente Anwendung des Konnexitätsprinzips – vereinfacht: Wer eine Aufgabe bestellt, muss sie auch finanzieren.
Konstruktive Ideen
Kleine Gemeinden leiden besonders unter dem Konsolidierungsdilemma. Kommunen müssen sparen, dürfen sich aber nicht kaputtsparen. Ein mögliche Ansatz wäre das nachhaltige Wirtschaften als signifikant effizientere, intelligentere und bürgerlich wertkonservative Leitstrategie für eine beständige Steigerung der Resilienz, Widerstandsfähigkeit und Autonomie der Kommune.
Ja, die Zeichen der Zeit stehen so und alle seriösen Szenarien weisen in die gleiche Richtung. Exakt diese Faktoren – Resilienz und Nachhaltigkeit in Verbindung mit bürgerlich wertkonservativem Gestaltungswillen – bestimmen die Zukunftsfähigkeit jeder Kommune. Es geht für jede Kommune um eine kulturelle Vereinbarung zur Zukunftsfähigkeit. So viel Autonomie wie möglich, so viel Kooperation wie nötig.
Zukunftsklausur
Das Problem der Kommune: Politik und Verwaltung blockieren sich bei Haushaltskürzungen oft gegenseitig. Es regiert die Kirchturmpolitik. Deshalb steht am Anfang eine Zukunftsklausur für den Gemeinderat und die Verwaltungsleitung. Es geht um ein Klima produktiver Unruhe, das Aushalten unbequemer Wahrheiten, einen für alle erkennbaren 360-Grad-Blick auf die Situation und daraus abgeleitet eine gemeinsame Idee, zu der sich alle Akteure verpflichten. Das Ergebnis der Zukunftsklausur ist ein parteiübergreifender Konsens über ein priorisiertes Projektportfolio in Verbindung mit der Verwaltung. Ja, dieses Vorgehen bietet große Chancen, die Kräfte zu bündeln. Nein, dieses Vorgehen ist nicht kopierbar – jede Kommune ist anders – und Nein, ChatGPT, Gemini und Konsorten sind nicht hilfreich.
Gutachten und Konzept
Das Problem der Kommune: Freiwillige Leistungen (Kultur, Sport, Vereine) sollen pauschal gekürzt werden, was die weichen Standortfaktoren und den sozialen Zusammenhalt zerstört. Die Kommune braucht ein fundiertes Wirtschaftlichkeits-Gutachten und ein Konzept zur Neuausrichtung freiwilliger Leistungen. Eine mögliche Leitfrage: Wie können Kultureinrichtungen oder Sportstätten durch neue Prozesse oder Kooperationen günstiger, aber nachhaltiger betrieben werden?
Interkommunale Zusammenarbeit
Das Problem der Kommune: Bürgermeister wollen kooperieren, verheddern sich aber in emotionalen Identitätsdebatten. Die Kommune braucht einen neutralen, externen Moderator und Prozessbegleiter für die Anbahnung von IKZ-Projekten (z. B. gemeinsamer Bauhof, IT oder Standesamt). Damit ist allen Akteuren geholfen, das Autonomie-Paradoxon zu überwinden und harte, betriebswirtschaftliche Kriterien (zum Beispiel SLA – Service Level Agreement, Stückkosten) zu vereinbaren.
Veränderungsmanagement
Das Problem der Kommune: Technische Software wird eingekauft, aber die Belegschaft zieht aus Angst oder Gewohnheit nicht mit (Kultur-Barriere). Die Kommune braucht Veränderungsmanagement. In den Workshops für die Mitarbeiter werden deren Ängste behandelt. Prozesse werden vor der Digitalisierung standardisiert. KI-Assistenzsysteme werden als Entlastung etabliert.
Neue Spielregeln
Neue Herausforderungen brauchen neue Werkzeuge. Sie brauchen neue Ziele. Und sie brauchen neue Spielregeln, damit die Werkzeuge zielgenau eingesetzt werden können. Jede Leistung der Kommune wird konsequent auf ihre Wirksamkeit hin gemessen. Die Messung umfasst die Pflichtaufgaben und die freiwilligen Leistungen. Wie hoch ist der ROI – Return On Investment der Investitionen? Der ROI der Ausgaben? Wie hoch ist der SROI – Social Return On Investment der freiwilligen Leistungen? Die Messung erfolgt mittels Kennzahlen und in dem Heranziehen von Benchmarks. Welche kommunalen Aufgaben lösen andere Kommunen in herausragender Weise? Von welcher Kommune können wir was lernen?
Alles wird vom Ergebnis her betrachtet. Der gute Wille allein reicht nicht, sich bemühen reicht nicht. Das Einzige was zählt, ist die Wirksamkeit jedes kommunalen Handelns in Relation zum Input. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. An dieser Stelle lässt sich guten Gewissens der dicke rote Edding ansetzen. Beispiel: wird der örtliche Musikverein mit kommunalen Mitteln unterstützt, muss der Musikverein anhand von Kennzahlen nachweisen, was er für die Kommune leistet: zum Beispiel Jugendarbeit, öffentliche Konzerte, Ausbildung, Gewinnung neuer Mitglieder. Das Gleiche gilt für soziale Initiativen jeder Art – von der Jugendarbeit über den Heimatverein bis zum Seniorenstammtisch.
Jede Einsparung beginnt immer bei der Kommune selbst. Jedem gesparte Euro für reduzierte Leistungen muss ein Euro Einsparungen in der Kommune vorangehen. Eine Reduzierung von Leistungen ohne Einsparungen im Verwaltungsapparat ist unanständig. In den meisten Kommunen schlummern unendliche Einsparpotenziale in Form dysfunktionaler Strukturen, selbstreferenzieller Aufgabenfelder, schlicht schlampiger Arbeit, ritualisierter Arbeitsverweigerung in Form von Besprechungen, Meetings, Zoom-Konferenzen, Home-Office, nicht miteinander verzahnte Teilzeitstellen, fehlerhafte Kommunikation, lückenhafte Dokumentationen. Ein Erfahrungswert aus der Praxis mit einem der Sache dienlichen abgesofteten Zitat: „Ein erheblicher Teil der Arbeitszeit geht in dysfunktionalen Schnittstellen und rituellen Abstimmungen verloren.“ Ja, auch dieser Tatsache muss man sich stellen und handeln. Auch das ist kommunale Verantwortung.
Kennzahlen
Wie misst man die Leistungsfähigkeit einer Kommune? Immer vom Bürger her. Immer! Kennzahlen liefern eine von allen Seiten akzeptierte Argumentationsbasis. In unserer Arbeit hat sich die Arbeit mit Zahlen und Daten bewährt. Diese Zahlen konzentrieren sich ausschließlich auf die Wirkung der eingesetzten öffentlichen Mittel. Damit werden allen Beteiligten – dem Bürgermeister, dem Stadt-/Gemeinderat, dem Kämmerer bzw. Schatzmeister, den in den Ressorts arbeitenden verantwortlichen Mitarbeitern vom Bauhof bis zum Kulturreferat – die Sachlage, die Zusammenhänge und die daraus resultierenden Lösungswege nachvollziehbar, objektivierbar und verständlich.
Wir messen die Wirkung der eingesetzten öffentlichen Mittel in vier einfach zu verstehenden Dimensionen. Unser goldene Regel: Einfachheit und Vergleichbarkeit gehen vor hochdifferenzierten Betrachtungen, deren ausgeklügelten Verästelungen nur denen dienen, die im Werfen von Nebelkerzen ihre Privilegien verteidigen wollen. Es geht ausschließlich um die Wirkung nach außen – auf den Bürger hin. Unsere goldene Frage: Was hat der Bürger davon? Unsere vierstufige Analyse liefert ein glasklares, empirisch untermauertes Ergebnistableau für die Kommune. Wir verwenden nur Kennzahlen, die nachvollziehbar, überprüfbar und für politische Entscheidungen unmittelbar verständlich sind.
Kennzahlen Marktdurchdringung
Gesellschaftliche Relevanz, Breitenwirkung und Validierung der kommunalen Leistungen und der von der Kommune kofinanzierten Einrichtungen. Die Marktdurchdringung ist das Fundament der Effektivitätsprüfung. Bevor wir über Geld sprechen, müssen wir klären, ob die jeweilige Struktur überhaupt in der Lage ist, die Bevölkerung zu erreichen. Die wesentliche Kennzahlen hierfür sind die Versorgungsquote, die Reichweite und die Auslastung der bereitgestellten Kapazitäten. Damit wird sichtbar, ob ein Angebot gesellschaftlich angenommen wird oder ob dauerhaft Kapazitäten finanziert werden, die nur unzureichend genutzt werden.
Kennzahlen Mittelverwendung
Allokationseffizienz[1] , Kostenstarrheit[2] und kaufmännische Tragfähigkeit des jeweiligen Betriebsmodells der Kommune. Wir betrachten die betriebswirtschaftliche Effizienz. Wie schlank verwaltet sich eine Kommune und die mit öffentlichen Mitteln kofinanzierten Einrichtungen? Wieviel des eingesetzten Geldes wird unmittelbar für den Bürger wirksam? Die wesentliche Kennzahlen hierfür sind die Gesamtkosten je erreichtem Bürger, der Personalaufwand je erreichtem Bürger und die Strukturkostenquote. Wichtig hierbei ist, Verwaltung ist nicht automatisch unproduktiv. Jede funktionierende Organisation braucht Leitung, Buchhaltung, IT und Gebäudemanagement. Entscheidend ist, ob der Strukturaufwand angemessen ist.
Kennzahlen Öffentliche Kofinanzierung
Hebelwirkung der Steuermittel, Validierung des gesellschaftlichen SROI (Social Return on Investment[3] ) und Ermittlung von Fehlinvestitionen in kommunal kofinanzierten Einrichtungen. Diese Dimension führt uns direkt zum Kernauftrag der Kommune. Die alles entscheidende Systemfrage: Schafft der öffentliche Zuschuss einen echten, messbaren Mehrwert für die Bürger, der ohne Kofinanzierung nicht entstehen würde? Die wesentliche Kennzahlen hierfür sind der Kommunaler Zuschuss je erreichtem Bürger, die Eigenfinanzierungsquote und der Drittmittelhebel: Wie viele externe Mittel werden durch einen kommunalen Euro zusätzlich mobilisiert? Damit wird sichtbar, ob öffentliche Mittel tatsächlich etwas ermöglichen und verstärken oder überwiegend bestehende Strukturen mit oder ohne Wirkungsgrad finanzieren.
Interner Vergleich der Kommune
Relative Ressourcen-Produktivität, Struktur-Vergleich und personelle Allokationseffizienz[4] . Diese Dimension liefert die relative Effizienz-Matrix der Kommune im Vergleich zu anderen Kommunen. Die Bürger werden mit dem eingesetzten Personal in Beziehung gesetzt. Die Kennzahl „Produktivität“ zeigt unmissverständlich, ob eine Kommune im Vergleich zu anderen Kommunen überproportional viele Bürger versorgt (Wert > 100%) oder ob sie als struktureller Ressourcenfresser Personal bindet, ohne eine adäquate Gegenleistung der kommunalen Daseinsvorsorge zu erbringen (Wert < 100%). Die wesentliche Kennzahlen hierfür sind die erreichten Bürger je Vollzeitkraft, die relative Personalproduktivität und die relative Versorgungsproduktivität
Datenbasis
Die Kommune soll möglichst keine neue Datenerhebung durchführen. In unserer Arbeit greifen wir zunächst auf Daten zurück, die ohnehin existieren.
Amtliche Statistiken: Einwohner, Altersgruppen, Zielgruppen, Fläche, Steuerdaten, Finanzdaten etc. Die Regionaldatenbank Deutschland stellt Daten für Kreise, kreisfreie Städte und Gemeinden bereit. Die GENESIS-basierten Datenbanken können zudem über CSV/XLSX oder automatisiert über REST/JSON-Schnittstellen abgefragt werden.
Kommunale Bestandsdaten: Haushaltsplan, Jahresabschluss, Produktrechnung, Stellenplan, Beteiligungsbericht, Haushaltssicherungskonzept. Dass diese Daten grundsätzlich aus den Rechnungsabschlüssen vorhanden sind, zeigt auch die amtliche Gemeindefinanzstatistik: Sie ist als Vollerhebung konzipiert und übernimmt Ausgaben und Einnahmen unmittelbar aus kommunalen Rechnungsabschlüssen.
Öffentliche Unternehmensdaten: Bei ausgegliederten Gesellschaften kommen Jahresabschlüsse und Geschäftsberichte hinzu. Jahresabschlüsse für Geschäftsjahre ab 2022 werden grundsätzlich über das Unternehmensregister veröffentlicht bzw. hinterlegt.
Open Data: GovData bündelt inzwischen mehr als 160.000 öffentliche Datensätze. Einzelne Kommunen stellen dort sogar vollständige Haushaltsdaten maschinenlesbar bereit; Karlsruhe beispielsweise den Haushaltsplan als Datenbestand, Aachen einen interaktiven Produkthaushalt.
Erst wenn eine notwendige Information nicht vorhanden ist, greifen wir auf vorhandene interne Betriebsdaten zurück. Fehlt eine Zahl, heißt es schlicht: nicht verfügbar.
Datenebene Kommune: Über den Amtlichen Gemeindeschlüssel wird die Kommune eindeutig identifiziert. Automatisch beziehungsweise öffentlich beschaffbar sind beispielsweise Einwohnerzahl, Altersstruktur, Fläche und zahlreiche weitere Regionalindikatoren. Allein der Regionalatlas stellt mehr als 160 Indikatoren bereit. Diese Daten definieren den Markt beziehungsweise die relevante Zielgruppe.
Datenebene Einrichtung beziehungsweise Aufgabe. Aus Haushalt, Jahresabschluss oder Betriebsbericht kommen Gesamtaufwand, Personalaufwand, kommunaler Zuschuss, Eigenerlöse und gegebenenfalls Drittmittel.
Datenebene Leistung. Aus Produktbericht, Geschäftsbericht oder vorhandener Betriebsstatistik kommen Nutzer, Besucher, Teilnehmer, Auslastung, Vollzeitäquivalente und die sektorspezifische Leistung.
Fakten begünstigen Fairness
Unser Fairnessgrundsatz. Eine Abweichung ist kein Mangel. Eine Kommune oder deren kofinanzierte Einrichtungen können 80 Prozent höhere Kosten je Bürger haben als die anderen und trotzdem vollkommen richtig aufgestellt sein. Vielleicht bietet sie inklusive Angebote. Vielleicht versorgt sie dünn besiedelte Regionen. Vielleicht übernimmt sie Aufgaben für den ganzen Landkreis. Vielleicht hat sie einen besonderen Auftrag.
Jede unserer Kennzahlen stellt keine Schuldfrage, sie stellt eine Begründungsfrage: Warum ist das so? Kann die Kommune die Abweichung sachlich erklären, ist sie erklärt. Kann niemand sie erklären, haben Bürgermeister, Rat und Kämmerei eine andere Frage: Warum finanzieren wir diese Struktur eigentlich so? Genau diese Fairness ist politisch ausgesprochen wichtig. Für akzeptierte, gemeinsam getragene, faktenbasierte und wirksame Lösungen.
Unsere Expertise für Kommunen
Die nachhaltige Kommune – Gestaltungsmacht nutzen
Die nachhaltige Kommune – Die Dokumentation
Sprechen sie uns gerne an, Ihre
Anja Theßenvitz und Stefan Theßenvitz
Fußnoten
[1] Allokationseffizienz (auch Verteilungseffizienz) beschreibt, in welchem Maß begrenzte Mittel (wie Geld, Personal, Zeit) dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen für die Bürgerschaft stiften. Einfach gesagt: Es geht nicht nur darum, das Geld sparsam auszugeben, sondern das Geld in die richtigen Kanäle zu lenken.
[2] Kostenstarrheit (auch Remanenz oder Kostenremanenz) beschreibt den Zustand, in dem die Ausgaben einer Institution fest zementiert sind und sich kurzfristig nicht an veränderte Bedingungen anpassen lassen. Selbst wenn die Einnahmen wegbrechen oder die Kundenzahlen drastisch sinken, bleiben diese Kosten unverändert hoch. Fixkosten wie z.B. Löhne und Gehälter können den betrieblichen Spielraum erheblich oder nahezu komplett blockieren.
[3] Der SROI misst als betriebswirtschaftliche Methode den gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Mehrwert einer Investition in Geldeinheiten. Der klassische ROI misst nur die reine finanzielle Rendite. Der SROI beantwortet die entscheidende Frage für die öffentliche Hand: Welchen Gegenwert in Euro erhält die Gesellschaft für jeden investierten Steuer-Euro? Öffentlich kofinanzierte Einrichtungen erwirtschaften keine Gewinne in €, aber sie erzielen eine enorme Sozialrendite.
Beispiel: Wenn die Kommune der örtlichen Musikschule Geld zuschießt und dadurch Barrieren abbaut, sodass Tausende Kinder ein Instrument lernen, Jugendliche sinnvoll in Ensembles integriert werden und Zehntausende Bürger als Publikum an regionalen Konzerten teilhaben, entsteht ein riesiger gesellschaftlicher Wert. Dieser lässt sich im SROI-Modell monetarisieren (z.B. durch eingesparte Kosten bei der Jugendhilfe, gesteigerte Attraktivität des Wohnorts oder ein gesteigertes lokales Bildungsniveau). Der SROI wechselt die Perspektive vom bloßen „Geld ausgeben“ hin zum „Wert schöpfen“. Einfach gesagt: mit öffentlichen Mitteln kofinanzierte Musikschulen erwirtschaften eine unbezahlbare kulturelle und gesellschaftliche Sozialrendite für die Bürger.
[4] Personelle Allokationseffizienz beschreibt den Zustand, in dem die verfügbaren personellen Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie die maximale Produktivität und Wirkung für die Bürgerschaft erzielen. Das bedeutet: Das Personal darf nicht in starren, unterausgelasteten Strukturen feststecken. Es muss dort eingesetzt werden, wo es produktiv arbeiten kann. Die erreichten und versorgten Bürger je Mitarbeiter sind der Schlüssel.