Schlagwort: Genossenschaft

Schluss mit Gründen: Sanierungskonzept für Deutschland

Eine betriebswirtschaftliche Betrachtung der Situation in Deutschland, offene Fragen und Ideen für Lösungen.

Vier Feinde

Deutschland im Herbst 2026. Beginnen wir mit einem Bonmot. Was sind die vier Feinde der Reformen? Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die etwas gereifteren Semester unter uns erinnern sich. Das war einer der Schenkelklopfer in der DDR. Die Frage bezog sich damals auf die vier Feinde des Sozialismus.

Wir Unternehmensberater werden immer gerufen, wenn die Hütte brennt, warum auch sonst. Und wir beginnen immer mit der Analyse der Situation. Die Begleitmusik der Auftraggeber ist häufig das Aufzählen der Gründe, warum die Situation so fatal ist. Doch jede Situation entsteht immer als Ergebnis eigenen Handelns.

Das gefährliche an vorgetragenen Gründen ist der mitschwingende Querverweis auf die eigene Unschuld an der Situation oder eine willkürliche Verengung der Perspektive, in der sich die berichtende Person in ein für sie möglichst vorteilhaftes Licht rückt. Lassen wir im Folgenden die Gründe weg und konzentrieren wir uns auf Tatsachen.

Tatsachen

Jede Sanierung beginnt immer mit einer sachbezogenen Analyse der Situation. Es geht darum, den Stand der Dinge als Tatsache anzuerkennen und diese Tatsachen klar zu benennen. Bezogen auf die Situation in Deutschland im Herbst 2026 sind auszugsweise genannt:

  • die schlechten Beziehungen zu den USA mit den damit verbundenen schlechten Handelsbeziehungen
  • die nicht geführten Gespräche mit Russland verbunden mit dem Abbruch langjähriger Beziehungen
  • der seit über vier Jahren tobende Krieg in der Ukraine mit mittlerweile weit über einer Million toten Soldaten und Zivilisten, ganz zu schweigen von dem materiellen Schaden
  • die ausufernde Inflation, die viele Bürger Deutschlands an den Rand einer prekären finanziellen Situation zwingt
  • eine seit 2018 stagnierende und nicht in Schwung kommende Wirtschaft, die unter den allseits benannten Problemen leidet – unter anderem Bürokratie, Energie, Fachkräfte
  • das desaströse Bildungsniveau der Schüler in allgemeinbildenden Schulen mit bedenklichen Schwächen in Lesen, Schreiben, Rechnen
  • die zunehmende gesellschaftliche Spaltung entlang der politischen Polarisierung hin zu neuen linken und rechten Mehrheiten abseits der klassischen Mitte
  • der unaufhaltsame Zerfall der Infrastruktur – Bahn, Straßen, Brücken, Wohnungsbau – der mit Geld allein nicht behoben werden kann
  • die weitgehend gescheiterte Migrationspolitik, die zu enormen gesellschaftlichen Spannungen führt und Kosten verursacht, über die niemand spricht
  • der gescheiterte deutsche Sonderweg der grünen Energie aus Wasser, Wind und Sonne, der weder eine verlässliche Energieproduktion gewährleistet noch günstig ist
  • überbordende Steuern und Abgaben für die Bürger ohne erkennbare Gegenleistung bei einer Staatsquote von über 50 Prozent und gleichzeitigen Rekordeinnahmen des Staates
  • ein wirr gewirkter Flickenteppich an Digitalisierung in Behörden und Verwaltungen mit unzähligen losen Enden und überschaubarem Nutzen für die Bürger
  • die Entscheidung für eine historisch zu nennende Rekordverschuldung durch das abgewählte Parlament am 28. November 2025

Jeder weiß, diese Liste lässt sich problemlos fortsetzen. Die genannten Punkte dienen nur der Illustration der Situation in Deutschland. Zu all den voranstehenden Beispielen will niemand Gründe als Antwort hören. Wir Betriebswirtschaftler wissen: Wer etwas nicht will, findet Gründe. Wer etwas will, findet Lösungen. Darum geht es bei jeder Situation, die man als unangenehm empfindet und diese verbessern will; am besten dauerhaft mit gleichzeitiger Eliminierung der Ursachen, die in diese Situation geführt haben. Lösungen brauchen Verantwortliche und Verantwortung.

Vernunft

Wir Unternehmensberater sind aufgerufen, nach der Analyse der Situation Lösungswege zu entwickeln. Die als fatal empfundene Situation soll so rasch als möglich beendet werden. Es braucht Entwicklungspfade für neues Handeln. Es braucht Mut, Tatkraft, Geschlossenheit und Expertise der handelnden Akteure. Es braucht das Vertrauen der Betroffenen, dass die zeitlich begrenzten, unvermeidlichen, schmerzhaften Maßnahmen wirken. Auf Deutschland bezogen: es braucht die klare Benennung der Situation. Es braucht eine gute Idee von Zukunft. Es braucht Politiker mit Expertise. Es braucht ein Volk, dass all dem Vertrauen schenkt und den Weg mitgeht. Und es braucht Vernunft.

Das furchtbare ist, die Vernunft verschwindet in dem Maße, wie die Kritik an ihr eingeschränkt, tabuisiert, in enge Bahnen gezurrt wird. In einfacher Sprache: ohne Kritik wird man dümmer. Der Möglichkeitsraum für bessere Lösungen löst sich auf. Weitere Einschränkungen der Kritik sind zwingend geboten, um das bisherige System zu stabilisieren. Und so beginnt sich die Spirale des Niedergangs munter abwärts zu drehen. Anbei nur zwei diesen Zusammenhang  illustrierende Mantren der letzten Jahre: „Unite behind the science – Vereint euch hinter der Wissenschaft“ und „Alternativlos“. Wissenschaft ist kein Glaubensbekenntnis und Alternativen gibt es immer.

Wirklichkeit

Das Leben findet immer innerhalb von Tatsachen statt: an der Tankstelle, beim Einkaufen, beim Blick auf die Gehaltsabrechnung, bei den Nebenkosten des Wohnens, beim Italiener um die Ecke, beim Hausarzt, in der Autowerkstatt, im ICE nach Hamburg, in der S-Bahn in Berlin, auf dem Schulhof, im Freibad … diese Tatsachen formen die Wirklichkeit. In dieser Wirklichkeit empfinden viele Bürger ihr Leben in Deutschland nicht mehr als gut. Die Wahrheitserzählung steht dem entgegen. Das Motto, „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ kontrastiert doch erheblich mit der empfundenen Lebenswirklichkeit.

Angenommen, wir sind mit der Situation nicht zufrieden, wir würden diese gar als Desaster bezeichnen, dann würde sich daraus ein Handlungsauftrag ableiten, diese Situation zu heilen und zu verbessern. Nur als Beispiel: Wenn der Krieg in der Ukraine seit über vier Jahren tobt mit unzähligen Toten, grauenhaften Verbrechen und unfasslichen Zerstörungen und die bisherige Strategie hat keinerlei Wirkung erzeugt im Sinne von Frieden oder mindestens einem Waffenstillstand, dann ist diese Strategie falsch. Die bisherige Strategie der Unterstützung der Ukraine ist vollständig gescheitert. Wie viele Tote mehr ist man bereit zu akzeptieren, bis man die Strategie überdenkt und endlich aktiv eine Friedensmission vorantreibt?

Gründe

Jetzt kommen die Gründe ins Spiel, diese sind schnell aufgezählt: Donald Trump ist verrückt. Wladimir Putin ist böse. Der Krieg der USA mit dem Iran verteuert die Energie. Die Ukraine (früher Afghanistan) verteidigt unsere Freiheit. Wir sind Teil der EU – die Europäische Union handelt multilateral. Das Mobiltelefon zerfetzt die Gehirne unserer Kinder. Der demografische Wandel ist für die Schieflage der Pflege verantwortlich. Social-Media verführt die Menschen ideologisch. Der Klimawandel ist unaufhaltsam. Die KI frisst die Arbeitsplätze. Die Rohstoffe aus China sind teuer, deren Produkte billig und zunehmend besser als unsere.

Gründe brauchen Schuldige, zum Beispiel Donald T. und Wladimir P.. Schuldig sind auch die Bürger, die massenweise zu Extremisten mutieren und von der SPD zur AfD wandern. Die Erzählung will es, dass sich im Gewand einer straff konservativen Partei die NSDAP verbirgt – die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Die AfD mag vieles sein, aber sie ist garantiert nicht sozialistisch. Unter Umständen ist die AfD in Teilen etatistisch, doch das ist ein anderes Thema.

Wer etwas nicht will, findet Gründe. Wer etwas will, findet Lösungen. Darum geht es bei jeder Situation, die man als unangenehm empfindet und diese verbessern will; am besten dauerhaft mit gleichzeitiger Eliminierung der Ursachen, die in diese Situation geführt haben. Lösungen brauchen Verantwortliche und Verantwortung.

Komplexität

Situationen sind meist menschengemacht – ausgenommen Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge und Tsunamis. Jede Situation entwickelt eine exponentielle Eigendynamik – zum Beispiel ein Feuer im trockenen Sommerwald – wenn dieses nicht frühzeitig bekämpft, eingedämmt und gelöscht wird. Brennt ein ganzer Landstrich, wird die Situation komplex, weil neue Faktoren hinzutreten. Jetzt muss auch die Evakuierung von Menschen gemanagt werden, die Einsatzkräfte müssen koordiniert werden, ausländische Hilfe muss angefordert werden.

Komplexität als Folge menschengemachter Situationen entsteht aus unterkomplexem Verhalten. Sei es, dass man zu spät, zu zaghaft, nicht oder falsch agiert. Das liegt meist an der Unterkomplexität der Akteure. Und es liegt an der Begleitmusik. In unserem Fall zum Beispiel der öffentliche Rundfunk, der die Situation in Deutschland verzerrt, unvollständig oder gar nicht berichtet, immer die gleichen Experten fragt und die Perspektiven einengt. Wer sein Okular nur nach links richtet, sieht nur links.

Links

Wer nur ein Wörterbuch mit linken Perspektiven aufschlägt, findet immer die gleichen Worte wie Enteignung, Vergesellschaftung, ACAB, Diskriminierung, Extremismus, muslimischer Rassismus, toxische Männlichkeit, from the river to the sea, Postkolonialismus, Wokeness, Gendergerechtigkeit, Ausbeutung, alter weißer Mann, leichte Sprache, LGTBQ+beliebig hinzuzufügende Großbuchstaben und ganz frisch aus der Druckerpresse: antifaschistische Wirtschaftspolitik. Diese Wortschöpfung erinnert mich an die betriebswirtschaftliche Fachliteratur der DDR mit ihrem Standardwerk: Sozialistische Betriebswirtschaft. Wie wäre es, noch tiefer in der Mottenkiste zu grabbeln und das Buch „Die Erziehung zum sozialistischen Menschen am Beispiel der DDR“ neu zu entdecken?

Begleitmusik

Die Partitur der Begleitmusik enthält Anweisungen für die Akteure. Sie lauten Haltung, Brandmauer, „mit denen rede ich nicht“, „Nazi“ (ohne die Wortergänzung „ionalsozialist“), Unsere Demokratie und jetzt neu: Vulgärdemokratie. Als gäbe es eine übergeordnete, erhabene Demokratie mit der Pflicht zur Verteidigung der wahren Demokratie, die nicht zwingend die Wahlentscheidung der relativen Mehrheit des Volkes respektieren muss. In den Generalpausen schlummern die Tabus – das nicht Sagbare – zum Beispiel aus der Religion entspringende kulturelle Gepflogenheiten und Denkmuster von zugezogenen Neubürgern, die dem Umgang mit Frauen oder mit Juden dem gesellschaftlichen Miteinander zumindest eine fragwürdige, zumeist eine jenseits unserer im Grundgesetz verankerten Würde des Menschen wohnende Buntheit hinzufügen.

Versagen

Kurz gesagt: die seit 2015 handelnden Akteure im Bund, namentlich die Politiker aus CDU, CSU, SPD, GRÜNE und FDP haben vom Ergebnis ihres Handelns her in jedem Politikfeld nahezu vollständig versagt. Der Beweis des Versagens sei auszugsweise an den oben genannten Punkt geführt.

Deutschland hat die USA unter Donald Trump als Freund und Partner verloren. Es wäre ein leichtes gewesen, mit ihm und vielen deutschstämmigen und Deutschland freundschaftlich verbundenen Amerikanern mit Macht und Einfluss – zum Beispiel Peter Thiel und Alex Karp – eine herausragend profitable Beziehung für beide Seiten zu entwickeln.

Deutschland hat jeden Kontakt zu Wladimir Putin abgebrochen in dem Wissen, dass nach dem Krieg in der Ukraine der Frieden in Europa nur mit Russland gelingen kann. Wie oft hat unser Bundeskanzler F.M. persönlich mit W.P. gesprochen? Exakt Null mal. Für Deutschland als mürbe Mittelmacht muss gelten: Es geht um Interessen, nicht um Moral. Es geht um Machbarkeit und Vernunft. Es geht um die Sicherung von Ressourcen und geopolitischer Stabilität für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Fragen

Wann endlich werden die Steuern und Abgaben auf Benzin, Diesel und Lebensmittel drastisch gesenkt? Es wäre auch ein guter Einstieg in eine dringend notwendige Fastenkur des Staates. Wer heilfastet, weiß: es beginnt immer mit einem Einlauf. In der Betriebswirtschaft gilt das Prinzip „Führen durch Vorbild“. In diesem Sinne möge der Staat mit dem Sparen bei sich selbst anfangen.

Wann endlich verlassen wir das Ende der globalen Nahrungskette als Konsumenten von Billigprodukten und beleben das deutsche Erfolgsmodell mit der Mischung aus qualifizierten Arbeitskräften (Handwerker, Facharbeiter, Ingenieure), wertschöpfendem Mittelstand und weltweit begehrten Sehnsuchtsprodukten wieder? Wenn die tragenden Säulen – Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie, exportorientiertes Handwerk – schrumpfen oder durch Insolvenzen wegbrechen, kann dieser Verlust unmöglich dadurch ausgeglichen werden, dass in Deutschland Pakete mit importierter Ware an die Haustür geliefert werden.

Wann schaffen wir in Deutschland einen eigenen intellektuellen und technologischen Backbone für die KI? Deutschland ist im Digitalbereich zu 90 Prozent von den USA abhängig. Wenn uns die USA den KI-Hahn zudrehen, dann schauen wir mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Deutschland hat keine Chips wie Nvidia, AMD oder Intel. Deutschland hat keine Cloud wie Microsoft (Azure), Amazon (AWS) oder die Google Cloud. Deutschland arbeitet im KI-Bereich mit einem geliehenen Gehirn, zum Beispiel mit OpenAI (ChatGPT), Google (Gemini) oder Anthropic (Claude). Hier wäre staatliches Risikokapital in der Tat sinnvoll eingesetzt.

Wann endlich endet die desaströse Bildungspolitik? Wann begreifen und benennen wir die Ursachen der Bildungskatastrophe? Zum Beispiel der Verzicht auf Leistung und den Stolz auf Erfolg. Die Vermischung von Bildungsauftrag und Erziehungsanspruch. Die Bereicherung der Schülerschaft mit der deutschen Sprache unkundigen Schülern. Der Vermittlung von Wissen und Können als etwas Begehrenswertes. Der Lust an Anstrengung und dem Meistern von Herausforderungen.

Wann endlich verlassen wir das Paradigma „Unserer Demokratie“ und beenden die Dämonisierung zum Beispiel der AfD? Das neue Motto könnte lauten: „Entzaubern durch operative Verantwortung“. Dieser zutiefst rationale, staatspolitische Ansatz, zum Beispiel die in Skandinavien seit Jahrzehnten erfolgreich praktizierten Minderheitsregierungen, mag uns als Vorbild dienen. Dafür braucht es den Mut der politischen Akteure, demokratisch gewählte Parteien in die konstruktive Arbeit einzubinden und sie in die Realität zu zwingen – oder selbst neue Realitäten anzuerkennen.

Tatsache ist: das bisherige Handeln der politischen Akteure führte ja eher zu suboptimalen Ergebnissen. Wie wäre es mit Substanz statt Leerformeln? Wie wäre es mit einer an der Sache orientierten Politik einer Minderheitsregierung? Wie wäre es, die jeweils größten Anteile der Wahlentscheidungen so lange aufzuaddieren, bis mehr als 50 Prozent erreicht sind – und diese Parteien koalieren dann miteinander? Wo ist das Zutrauen in die eigene Gestaltungsmacht? Wo ist das Vertrauen in die Bürger?

Wann endlich wird die Infrastruktur in Deutschland saniert – und zwar flott? Häuser, Brücken, Straßen, Bahn, Wohnungen und all das sind gelernte Disziplinen, die weltweit mit hoher Kunstfertigkeit und effizienter Logistik beherrscht werden, warum nicht in Deutschland? Der sogenannte Deutschlandtakt der Deutschen Bahn bis ins Jahr 2070 ist kein Zukunftsprojekt, es ist eine Bankrotterklärung. Wie lange noch werden Schüler in maroden Schulen lernen müssen? Und weiter gefragt: was werden Schüler über Deutschland lernen, wenn sie in maroden Schulen zu Bürgern heranreifen? Werden sie dieses Deutschland als ihr Land in ihr Herz schließen?

Wann endlich beginnt der sachbezogene Diskurs über die erkennbar gescheiterte Migrationspolitik? Sprechen wir endlich ehrlich über Bildung, Kriminalität, Menschenbild, soziale Kosten, finanzielle Lasten, Herkunftskultur. Entwickeln wir endlich eine Strategie für die Integration, die funktioniert.

Wann endlich beginnt der sachbezogene Diskurs über die erkennbar gescheiterte Energiepolitik? Wasser, Wind und Sonne sind super. Atomenergie und Gas auch – zumindest so lange, bis es endlich bessere technologische Lösungen gibt. Damit zusammenhängend ist jede offene Diskussion über Energieunabhängigkeit inklusive dem klugen Einsatz der Energie sehr hilfreich. Energie muss billig, verfügbar und verlässlich sein, sonst ist Schicht mit Deutschland als Industrienation.

Über Sparen zu reden ist wohlfeil, so lange der Staat mit Rekordeinnahmen immer mehr Steuergeld benötigt, um sich selbst zu erhalten. Wann endlich beginnt der Staat, substanziell zu sparen? Damit verbunden entstünde die Chance, die Bürger und Unternehmen wieder in Freiheit zu entlassen.

Digitalisierung ist nicht schwer, frage den Ingenieur. Oder fragen wir das befreundete Ausland und lernen von den Besten. Im Geiste Humboldts könnte Deutschland lernen von Dänemark, Finnland, Schweden. Von den Niederlanden, Estland und Lettland – von  kleinen und großen Ländern. Was bitte ist daran so schwer, von den Besten zu lernen und dieses Wissen in die Tat umzusetzen?

Gedankenspiel

Angenommen, Deutschland wäre ein als Genossenschaft organisiertes Unternehmen. Das Urprinzip der Genossenschaft kennt jeder: Einer für alle, alle für einen. Dieses Prinzip ist schön. Es vereint Tatkraft, Solidarität, Selbsthilfe, Selbstverwaltung und gemeinsame Verantwortung miteinander. Jedes Mitglied der Genossenschaft hält Anteile an dieser, manche Bürger weniger, manche mehr Anteile. Doch unabhängig von der Einlage gilt: Ein Mitglied, eine Stimme. Das ist auch sehr schön. Jedes Mitglied kann in der Generalversammlung über die zukünftige Strategie der Genossenschaft mitentscheiden. Entschieden wird nach den demokratischen Prinzipien der Mehrheit. In der Generalversammlung wird auch über den Vorstand entschieden, dieser wird regelmäßig entlastet. Das bedeutet: Der Vorstand wird an seinen Taten gemessen.

Die Genossenschaft befindet sich seit Jahren in Schieflage. Der Produktionsbetrieb ächzt. Der Druck des Wettbewerbs wächst. Innovationen sind Mangelware. Die Verwaltung ufert aus. Die Kosten laufen aus dem Ruder. Reparaturen dauern ewig. Die Leistungsfähigkeit sinkt. Die rasch  zunehmende Zahl unzufriedener Mitglieder wird übergangen. Zum Schutz des Status-Quo wird eine Brandmauer errichtet. Die Beziehungen zu den Geschäftspartnern sind schlecht. Viele Leistungsträger kündigen ihre Mitgliedschaft. Neue Mitglieder kommen hinzu, die zwar keine Genossenschaftsanteile kaufen, aber Leistungen der Genossenschaft abrufen. Neue Sprachregelungen der PR-Abteilung erzeugen neuen Unmut. Der Vorstand maßregelt die Mitglieder. Er verliert massiv an Autorität, er verliert das Vertrauen der Mitglieder.

In höchster Not engagiert man einen Unternehmensberater. Er darf sagen was ist. Er darf out-of-the-box denken. Das Ergebnis: Der Vorstand ist unfähig. Er wird nicht entlastet. Der neue Vorstand wird aus den Mitgliedern heraus rekrutiert. Jeder neue Bewerber in den Vorstand muss ein konkretes Zukunftskonzept vorlegen, dass ausschließlich der Genossenschaft und seiner Ursprungsidee dient.

Dysfunktionale Strukturen müssen weg, sofort. Es folgt eine Radikalkur, um das systemische Versagen zu beenden. Die Radikalkur folgt dem Prinzip des „Zero-Base-Budgeting“. Wir setzen die Genossenschaft gedanklich radikal auf null, um den wuchernden bürokratischen Wasserkopf überhaupt wieder steuerbar zu machen. Das Ziel resultiert aus vielen Vergleichsstudien anderer kollabierender Genossenschaften: Mindestens 50 Prozent der Abteilungen und Verwaltung sind überflüssig, sie erwirtschaften keinen Erfolgsbeitrag. Ebenso werden 50 Prozent der innerbetrieblichen Bürokratie abgeschafft.

Jedes Handeln wird an seiner konkreten Wirkung gemessen, mit Kennzahlen, anhand von Benchmarks. Produktivität zählt. Als Fehler erkanntes Handeln wird nicht fortgeführt und als Lernfeld erkannt. Soziale Leistungen werden auf die Mitglieder beschränkt. Damit werden dringend benötigte Mittel frei – Personal und Kapital.

Ein neues Leitbild beschreibt die gemeinsam angestrebte Zukunft in Bezug zum wirtschaftlichen Kerngeschäft unter Einbezug seiner Zukunftspotentiale. Schlüsselpartnerschaften werden aktiv gepflegt. Die Wertschöpfungstiefe wird ausgebaut. Resiliente Strukturen haben Vorrang vor Abhängigkeiten. Der offene, konstruktive Diskurs, jede auf bessere Lösungen hin gerichtete Kritik ist ausdrücklich erwünscht. Sachargumente zählen.


Unsere Expertise für Kommunen

Die nachhaltige Kommune – Gestaltungsmacht nutzen

Die nachhaltige Kommune – Die Dokumentation

Sprechen sie uns gerne an, Ihre

Anja Theßenvitz und Stefan Theßenvitz

Unternehmen in disruptiven Zeiten | Fallstudie Öffentliche Musikschulen

Deutschland merkt es in jeder Branche – ob Handwerk, Musikschulen und Industrie, Handel, Landwirtschaft und Gastronomie – die Zeit der billigen Ressourcen ist vorbei. Die Zeit der billigen Honorarkräfte ist ebenso vorbei wie die Zeit der billigen Energie. Eine Suche nach Lösungen am Beispiel der prekären Verfasstheit öffentlicher Musikschulen.

Das Prinzip der Ausbeutung ist an seinem Ende

Im Prinzip ist das eine gute Nachricht, denn nachhaltiges Wirtschaften folgt der Prämisse des ausbeutungsfreien und emissionsfreien Wirtschaftens. Wollen wir wirklich in einer Welt weiterleben, in der wir bei vollem Bewusstsein Mensch und Natur ausbeuten für das, was wir Wohlstand nennen?

In Realitas ist das eine schlechte Nachricht, denn so gut wie alle gegenwärtigen Geschäftsmodelle gründen sich auf dem Prinzip der Ausbeutung. Die Industrie kalkuliert mit billiger fossiler Energie, die Musikschulen kalkulieren mit billigen Honorarkräften. Die einen plündern und verwüsten den Planeten, die anderen betrügen Menschen um ein Leben in Würde.

Diese scheinbar diametralen Beispiele verdeutlichen, in der Summe ist man sich branchenübergreifend einig und alle singen das Mantra der alten Ökonomie: Wachstum, Wohlstand und Wertschöpfung gelingen nur mit Ausbeutung. Die Industrie bemäntelt ihr Handeln mit den Zwängen der Globalisierung, die öffentlichen Musikschulen mit dem Sachzwang der leeren öffentlichen Kassen.

Das stille Sterben hat begonnen

Doch das Prinzip der Ausbeutung ist an seinem Ende. Wiederum nur zwei Beispiele: Am 28. Mai 2024 veröffentlichte das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung eine Pressemitteilung mit dem Titel: Leises Industriesterben in Deutschland[1]. Im Jahr 2023 schlossen 176.000 Industriebetriebe ihre Pforten – für immer. Damit verstärkt sich eine seit Jahren voranschreitende Entwicklung in Deutschland. Die wichtigsten Gründe sind die Energiekosten, mangelndes Kapital für Investitionen, erodierende Lieferketten, volatile Preise für Material, der Arbeitskräftemangel und politische Unwägbarkeiten. Systemisch betrachtet waren diese Geschäftsmodelle auf Kante genäht, sie können den Wandel nicht mehr gestalten und verschwinden vom Markt.

Das zweite Beispiel: Das in der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkte „Herrenberg-Urteil“ des Bundessozialgerichts vom 28. Juni 2022 schärfte die Kriterien für die Beschäftigung von Honorarkräften an öffentlichen Musikschulen erheblich. Damit ist die Fortführung der Beschäftigung auf Grundlage der bisherigen Honorarverträge nicht mehr rechtssicher[2]. Damit endet die Ausbeutungspraxis hochqualifizierter Arbeitskräfte in öffentlichen Musikschulen. Im Durchschnitt betragen die Personalkosten einer Musikschule 85 Prozent – es ist leicht auszurechnen, dass diese Geschäftsmodelle bei einer neuen Kalkulation mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen zusammenbrechen werden.

Volkswirtschaftlicher Exkurs

Das Prinzip der Ausbeutung hat bereits in den letzten Jahrzehnten immer weniger gut funktioniert. Die beigefügte Tabelle mit dem preisbereinigten BIP in Deutschland von 1950 bis 2021 und der sich daran anschließenden Prognos zeigt: Der Grenzertrag des BIP – das Wirtschaftswachstum in Deutschland – wurde von Dekade zu Dekade niedriger. Zum einen gilt natürlich, selbst minimale Zuwächse des BIP in Prozent in der Gegenwart übersteigen die nominalen Zuwächse der 1950er Jahre, zum anderen gilt, der Grenznutzen des bisherigen ökonomischen Handelns scheint erreicht[3].

Die Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums vom 24. April 2024 nennt nach der Schrumpfung des BIP im Jahr 2023 um 0,3 Prozent zum Vorjahr für das Jahr 2024 ein Wachstum des BIP um 0,3 Prozent und für das Jahr 2025 ein Wachstum des BIP um 1,0 Prozent. Soweit ich mich an meine VWL-Vorlesungen erinnere, braucht eine entwickelte Volkswirtschaft pro Jahr mindestens 2 Prozent Wachstum für deren Substanzerhalt[4]. Die Faustregel: das BIP sollte zumindest dem Bevölkerungswachstum entsprechen. Die Bevölkerung in Deutschland wuchs in den Jahren 2014 bis 2023 um knapp 5 Prozent auf 84,7 Mio. Menschen[5]. Das reale – preisbereinigte – BIP wuchs im gleichen Zeitraum um knapp 1,2 Prozent pro Jahr. Dieses Wachstum reicht bei Weitem nicht aus, um die Substanz zu sichern, ganz zu schweigen von den vollständig unzureichenden Mitteln für Investitionen, zum Beispiel in die grüne Transformation unserer Wirtschaft.

Mehr zur grünen Transformation der Wirtschaft lesen Sie hier:

Die grüne Transformation der Wirtschaft

Gleichzeitig fehlt Deutschland jeder Wachstumsimpuls in den Schlüsselfeldern der Ökonomie des 21ten Jahrhunderts rund um Big Data: die vernetzte Mobilität, die KI-gestützte Gesundheitsvorsorge, das Design nachhaltiger Energie- und Wertstoffkreisläufe, die Energiewende und die KI-gestützte öffentliche Sicherheit sind in Deutschland höchstens im Ansatz erkennbar. Je nach kultureller Verfasstheit liegen hier entweder die USA oder China uneinholbar in Führung. Hinzu kommt die in Deutschland seit vielen Jahren stagnierende Produktivität und ihrem leichten Rückgang im Jahr 2023 um ein knappes Prozent[6], während die Weltwirtschaft munter an Produktivität zulegt[7]. Die Produktivität ist im Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften insofern von großer Bedeutung, weil mit ihr Wachstum ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch gelingt und die Entkoppelung von Produktion und Emissionen.

Die Morgendämmerung der teuren Ressourcen

Zwischenstand: Die Zeit der billigen Ressourcen – für billige Arbeitskräfte, Material und Energie ist vorbei. Das alte Modell der Ausbeutung ist ausgelutscht. Bisher auf Kante genähte Geschäftsmodelle brechen in sich zusammen. Die Grenzerträge des bisherigen Handelns wandern gegen Null. Wir erleben die Morgendämmerung einer Ökonomie der teuren Ressourcen. Besser wäre es, diese neu aufscheinende Welt die faire Ökonomie zu nennen. Unter Einbezug der sozialen Aspekte und der Umwelt könnte man es auch eine nachhaltige Ökonomie nennen.

Die nachhaltige Ökonomie ist möglich

Verbinden wir die nachhaltige Ökonomie mit einem unerhört neuen Gedanken, Wohlstand neu zu denken, dann könnte sich daraus unter Umständen etwas wirklich Schönes entwickeln, zum Beispiel eine heimische Industrie, die auf der Grundlage wunderbarer Innovationen ausbeutungs- und emissionsfreie Produkte vorzugsweise für den Binnenmarkt produziert und deren Arbeitnehmer dank mehr als auskömmlicher Löhne und Gehälter den Musikunterricht ihrer Kinder fair bezahlen können – unterstützt durch Mittel der Kommunen und Länder, die ebenfalls genügend Geld für die Schaffung öffentlichen Wohlstandes haben. Denn auch eine fair finanzierte öffentliche Musikschule ist Wohlstand – so wie das Krankenhaus, die Straßenbahn, Berufsschulen und Universitäten, die Polizei, Theater, Museen und Konzerthäuser und all das, was ein gutes Leben der Menschen unabhängig von deren privaten Geldbeuteln ermöglicht.

Doch mit dem Traum von einer nachhaltigen Ökonomie allein wird das nichts. Für diese bedarf es Investitionen in Innovationen und vor allem viel Anstrengung. Hinzu kommen nicht ganz einfache Rahmenbedingungen, die wir uns im Folgenden in Schlaglichtern ansehen.

Der Anbruch des disruptiven Zeitalters

So nach und nach wird uns klar, die gemütliche Zeit der linear vorausberechenbaren Entwicklungen ist vorbei. Alles entwickelt sich immer rascher exponentiell – Politik, Gesellschaft, Ökonomie, Umwelt und Wissenschaft verändern sich sehr dynamisch und niemand kennt die Kipppunkte, wann das bisherige Gefüge auseinanderfliegt.

Wir beobachten in der westlichen Welt den wachsenden Zuspruch zu weltanschaulich agierenden Parteien und Politikern von links bis rechts. Die einzigen Parteien in Deutschland mit einem klar formulierten Welt- und Gesellschaftsbild sind die Grünen und die AfD. Sie sind gleichzeitig das bevorzugte Ziel für Attacken auf deren politische Akteure und damit beherrschen sie auch weite Teile des öffentlichen Diskurses. Das ist insofern bemerkenswert, dass der Aufmerksamkeit meist auch die Sympathie folgt – das ist ein altes Gesetz der Öffentlichkeitsarbeit. Auch die Blicke nach Frankreich, Italien oder die USA zeigen ein ähnliches Bild.

Wir beobachten eine Muslimifizierung des Diskurses, die sich von der UN-Vollversammlung[8] über den UNO-Vorsitz von Saudi-Arabien zur Förderung von Frauen[9] und die Studentenproteste an den Hochschulen der westlichen Welt[10] bis zur voranschreitenden staatlichen Anerkennung der unter der Knute der Terrorhorde Hamas leidenden Bevölkerung Palästinas unter anderen durch die EU-Staaten Schweden, Spanien und Irland[11] erstreckt und auch durch Demonstrationen in Deutschland für ein Kalifat als Lösung[12]. Wir beobachten die Aufspannung des Dreiecks des Hasses von Russland, China und Iran gegen alles, was westlich und damit incl. der Ukraine seiner Vernichtung wert ist[13].

Wir beobachten massive Veränderungen der Biosphäre vom meist stillen Artensterben bis hin zu sehr konkret erlebbaren Folgen der Klimaveränderung auch in Deutschland und wir erleben den Siegeszug der künstlichen Intelligenz als neue Sehnsuchtsapplikation für das Very Big Business im 21ten Jahrhundert in den USA und in China. Europa liegt in diesem KI-Rennen mittlerweile weit abgeschlagen zurück, seine in der Summe und in Relation zu den USA und China bescheidenen Ausgaben für KI-Forschung führten bisher nicht zu den erhofften privaten Investitionen[14].

Man könnte jetzt fragen, was bedeutet das im Kleinen? Was bedeutet das für den mittelständischen Industriebetrieb und die öffentliche Musikschule? Kann uns all das in Deutschland nicht herzlich egal sein? Es kommt auf die Perspektive an, auf die Imaginationskraft einer als erstrebenswert erachteten Zukunft und auf das Maß der zu leistenden Anstrengung für einen Wandel. Doch zuvorderst kommt es darauf an, Tatsachen als solche zu erkennen. Zum Beispiel, dass wir im zänkischen Weiter-So im alten Gleis und im Rangeln um immer kleiner werdende Kuchenstücke den Zug garantiert an die Wand fahren und der Kuchen in matschigen Fetzen von der Windschutzscheibe der Lokomotive rutscht.

Die neue Vereinbarung mit der Zukunft

Nehmen wir als Beispiel die öffentlichen Musikschulen in Deutschland. Wir könnten auch den Industriebetrieb nehmen, doch in dieser Fallstudie geht es um die Gestaltung eines guten Unternehmens und eine öffentliche Musikschule ist auch eines – sofern sie etwas unternimmt. Die humanistische Perspektive der Menschwerdung durch Musik lassen wir beiseite, sie ist das unbestreitbare wertvolle Ziel der musikalischen Bildungsarbeit. Wir befassen uns mit den ökonomischen Grundlagen.

Nachfrage und Image

Jede Musikschule braucht Nachfrage – ihr Wert bemisst sich im Wesentlichen an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl, der zum Beispiel anhand der Schülerzahlen bemessen werden kann. Aus der öffentlichen positiven Wahrnehmung einer Musikschule resultiert ihr Markenwert. Er steigt in dem Maße, wie eine Musikschule als aktiver Teil einer Gemeinschaft, zum Beispiel einer Kommune oder eines Landkreises, wahrgenommen wird.

Das öffentliche Geld bleibt knapp

Jede Musikschule braucht Geld – um Löhne und Gehälter zu bezahlen, um die Liegenschaften zu unterhalten, um Instrumente zu kaufen. Sie braucht Geld für Investitionen, für Kommunikation und für ihren Beitrag zum Gemeinwohl – vom Unterricht bis zum Konzert. Dieses Geld bekommt sie im Wesentlichen aus drei Quellen, zu 50 Prozent und meist mehr von den Privathaushalten mit zunehmend schmaleren Geldbeuteln für Bildung und Freizeit, zu in der Regel ungefähr 30 Prozent aus den kommunalen Kassen, deren wirtschaftliche Situation meist als dauerhaft strapaziert bezeichnet werden kann und aus den Kassen der Bundesländer, die sich in Deutschland meist seit Jahrzehnten – vornehm ausgedrückt – in ausgesprochener Zurückhaltung üben.

Die kommenden Jahre in Deutschland vorausgedacht dürfte als realistische Annahme gelten: Das öffentliche Geld bleibt knapp, insbesondere auf kommunaler Ebene. Durch das Industriesterben werden die Steuereinnahmen weiter sinken, die Soziallasten werden entlang der Migration weiter steigen, die Boomer wandern auf die Seite der Rentenempfänger und vergrößern die Arbeitskräftelücke, die staatlichen Investitionen konzentrieren sich auf den Erhalt und die Reparatur der Infrastruktur. Für staatliche Investitionen in neue Geschäftsfelder bleibt kaum Geld. Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass öffentliche Musikschulen am Ende der Nahrungskette bei der Vergabe von öffentlichen Mitteln eher eine höhere Nummer auf der Warteliste ziehen werden.

Ein paar unangenehme Fragen

Was also bleibt den öffentlichen Musikschulen? Es den Bauern gleichtuend sternförmig gen Berlin ziehen und Transparente mit lustigen Texten schwenkend in Gummistiefeln zum Kanzleramt stapfen? In der Hoffnung auf Mitleid eine gepflegte Depression entwickeln und leise seufzend vor sich hin Sterben? Sich in den sozialen Medien über die Zustände empören und mit Glück zwei Likes und einen zustimmenden Kommentar ergattern – und sich gleichzeitig viele unerfreuliche Kommentare einfangen, die all das etwas anders sehen? Sich an ihre Landesverbände oder an den Bundesverband wenden, deren Gestaltungsimpuls für den notwendigen Wandel sich in den letzten Jahren meist sehr verhalten zeigte? Sich stur auf das alte Geschäftsmodell kaprizieren und mit freitäglichen Sitzstreiks vor dem Rathaus auf eine Fortsetzung des Weiter-so pochen? Online-Petitionen schreiben? Um die öffentliche Anerkennung der musikalischen Bildung betteln? Oder die disruptiven Veränderungen antizipieren und gedanklich alles auf Anfang setzen?

Megatrends bilden die Rahmenhandlung

Jede Musikschule muss akzeptieren, dass sie als Teil dieser Welt nicht alle Entwicklungen beeinflussen kann. Es braucht die Kraft für einen Gestaltungsimpuls der Zukunft und den Mut zur Selbstermächtigung. Es ist entscheidend, die für die Musikschule entscheidenden Megatrends und Treiber des Wandels zu identifizieren und damit zu arbeiten. Die obenstehende Grafik verbildlicht die sieben Megatrendcluster. In der gebotenen Kürze nur so viel: Entscheidend ist immer die Situation Ihrer Musikschule vor Ort. Führen Sie stets eine eigene Megatrendanalyse durch! Es folgt eine mögliche Rahmenhandlung für eine typische Musikschule, die es so in Realitas nicht 1zu1 geben wird.

Megatrends finden statt. Um Megatrends operationalisierbar, für die Gestaltung der Zukunft nutzbar zu machen, unterteilen wir diese in vier Bereiche. Diese ergeben sich aus den Fragen, wie stark ein Megatrend auf die Arbeit der Musikschule einwirkt und wie stark die Musikschule den Megatrend beeinflussen kann. Aus diesen Fragen resultieren vier grundlegende Strategieoptionen.

Megatrends, die kaum auf die Arbeit einwirken und die man kaum beeinflussen kann, werden beobachtet. An Megatrends, die stark auf die Arbeit einwirken und die man kaum beeinflussen kann, muss man sich anpassen, sich gegen negative Auswirkungen absichern und diesen – wenn möglich – ausweichen. Bei Megatrends, die kaum auf die Arbeit einwirken und die man stark beeinflussen kann, kann man situativ und dosiert agieren. Bei Megatrends, die stark auf die Arbeit einwirken und die man stark beeinflussen kann, muss man sich klar positionieren, strategisch agieren, sich Vorteile erarbeiten und sein Macht gezielt nutzen.

Betrachten wir ausschließlich die Megatrends, die stark auf die Arbeit einer Musikschule einwirken. Ihnen muss das besondere Augenmerk gelten, denn sie determinieren die Rahmenhandlung des Kommenden. Achtung: Nicht nur Musikschulen weichen hier gerne in bequeme und leichte Handlungsmuster aus, die einem die Illusion von Wirkmächtigkeit geben. Aus der sachbezogenen Analyse der Megatrends – und zwar unabhängig davon, wie kommod deren Ergebnisse für die Musikschule sind, ergeben sich sieben Handlungscluster: Das Cluster der Ökonomisierung, Globalisierung und Europäisierung, das Cluster rund um Big Data, das gesellschaftliche Cluster mit seinen Milieus, der Demografie und Migration, das Cluster der regionalen Autonomie und Vernetzung, das Cluster rund um die Neugestaltung der Bürgerschaft, das Cluster der Nachhaltigkeit und damit verbunden das Cluster des neuen Konsumentenverhaltens.

Auf Grundlage dieser sachbezogenen Analyse ergeben sich fünf zentrale Handlungsstränge für eine Musikschule innerhalb der Megatrends, die stark auf die eigene Arbeit einwirken. Wichtig ist, mit den eigenen Spielregeln – dem eigenen Geschäftsmodell – Herr im eigenen Haus zu bleiben. Die Digitalisierung dient der Stärkung des Geschäftsmodells. Das Geschäftsmodell bietet den Menschen lebensweltbezogene Angebote auf Grundlange des Bildungs- und Kulturauftrags. Die Musikschule steigert ihren Mehrwert und ihr Maß an Unverzichtbarkeit durch eine tiefe Verwurzelung in und mit der Region und ihrer dichten Vernetzung mit allen relevanten regionalen Akteuren. Das Geschäftsmodell fußt auf den Prinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens, um dauerhaft relevant zu bleiben.

Selbstbestimmt agieren

Die folgenden Gedanken sind explizit KEINE Blaupause für das Handeln einer öffentlichen Musikschule vor Ort. Sie mögen als Anregung dienen, ausgehend von diesen den Diskurs vor Ort mit allen Beteiligten zu führen – für eine passgenaue und sachgerechte Lösung, die den jeweiligen lokalen Bedingungslagen Rechnung trägt. Die folgenden Gedanken sind als nicht abgeschlossen zu verstehen. Deren Reihenfolge ist zufällig und beinhaltet weder Gewichtung noch Rangreihe.

Selbstbestimmtes Geschäftsmodell: Musikschulen brauchen ein nachhaltiges – ausbeutungsfreies – Geschäftsmodell auf Vollkostenbasis, das sich trägt durch die Schüler und deren Eltern, eine starke Bürgerschaft, eine verantwortlich handelnde Kommune und das die Zukunft der Musikschule unterstützende Land. Die alten Zeiten der billigen Ressourcen und Arbeitskräfte sind (Gott sei Dank) vorbei.

In dem Maße, wie sich Kommunen und das Land weigern, Teil der neuen Vereinbarung zu werden, müssen sich Musikschulen aus diesen toxischen Beziehungen befreien für einen selbstbestimmten Weg mit neuen Partnern. Der unverhandelbare Kern einer öffentlichen Musikschule ist eine qualitätvolle musikalische regional verortete kulturelle und musikalische Bildung, die jedem Menschen unabhängig von seiner biographischen, sozialen und finanziellen Situation offensteht. Nochmal zum auf der Zunge zergehen lassen: Es heißt immer noch öffentliche Musikschule, nicht unter zu prekären Arbeitsbedingungen verdammte Musikschule unter kommunaler Herrschaft. Selbstbestimmung ist Pflicht für eine der Öffentlichkeit und dem Gemeinwohl dienenden Musikschule.

Bürgerschaftliches Engagement: Die meisten öffentlichen Musikschulen wie fast alle Kultur- und Bildungseinrichtungen entstanden vor vielen Jahrzehnten auf Betreiben einer aktiven Bürgerschaft. Diese damals erbrachten bewundernswerten Leistungen wurden nach und nach in übergeordnete konstitutiv organisierte Systeme überführt und damit verschwand häufig der Gründungsimpuls.

Jede öffentliche Musikschule ist in erster Linie eine bürgerschaftlich getragene Institution. Die Politik wird sich in den kommenden Jahren mit Sicherheit nicht stärker engagieren, deren Aufgaben und Lasten sind bereits heute kaum mehr tragbar. Den öffentlichen Musikschulen bleibt die Möglichkeit der Wiederbelebung des Ursprungsgedankens durch die Aktivierung des bürgerschaftlichen Engagements und die gezielte Einbindung der Bürgerschaft – vom Förderverein über das Ehrenamt bis hin zur Pflege von Netzwerken und zu ehemaligen Schülern.

Mehrwert dokumentieren: Jede Leistung einer öffentlichen Musikschule kann erfasst werden – als Qualität und als Quantität. Die Dokumentation reicht zum Beispiel von der Qualifikation der Lehrkräfte bis zur Zahl der Schüler und der Kooperationen von der Kindertagesstätte bis zum Pflegeheim, sie umfasst das Leistungsspektrum ebenso wie die Zahl der öffentlichen Aufführungen, der Besucher und des erzeugten Wertschöpfungshebels durch die Arbeit der Musikschule.

Mehrwert kommunizieren: die Öffentlichkeitsarbeit der meisten öffentlichen Musikschulen kann deutlich ausgebaut werden, insbesondere im digitalen Raum. Der dokumentierte Mehrwert findet seinen Platz auf den ansprechenden Websites ebenso wie das Story-Telling aus Sicht der Schüler und die Anzahl und Tiefe der Kooperationen.

Der Schatz der Möglichkeiten mit Social-Media kann gehoben werden ebenso wie die digitale Vernetzung verdichtet, ausgeweitet und vertieft werden kann. Auch Google stellt mächtige Werkzeuge bereit, im digitalen Raum kostengünstig präsenter zu werden.

Qualität beweisen: jede öffentliche Musikschule liefert Fakten für ihre erbrachte Qualität in Form von Aussagen der Schüler, in Form von Zahlen für Wettbewerbe, für das Leistungsspektrum, für angebotene Formate, für die pädagogische Qualität und die miteinander verzahnten Bildungsmodule in Form von Zertifikaten, Urkunden, Mitgliedschaften und Testaten. Menschen lieben Beweise, Qualität und Exzellenz.

Nachhaltiges Geschäftsmodell: Insbesondere die Zusammenarbeit mit Kommunen und deren Mittelvergabe orientiert sich immer mehr an nachweislich nachhaltigen Geschäftsmodellen ihrer Partner und Auftragnehmer. Der DNK – Deutsche Nachhaltigkeitskodex stellt werthaltige Entsprechenserklärungen aus, die allen gesetzlichen Vorgaben Genüge tun und den Kommunen signalisieren: unsere Musikschule ist ein nachhaltig agierender Partner.

Flexibilisieren: Wo immer möglich, muss die öffentliche Musikschule ihr Geschäftsmodell flexibilisieren, um sich schnell und professionell an neue Bedingungslagen anzupassen. Wertvolle Partner erkennt man immer daran, dass sie wirksam agieren und ihren Beitrag leisten.

Kooperation und Vernetzung: Alle in der Kommune relevanten Institutionen müssen mit der öffentlichen Musikschule in Form erlebbarer Zusammenarbeit vernetzt sein. In dem Maße, wie eine öffentliche Musikschule tief im Gemeinwesen vernetzt, verwurzelt und verankert ist, wird sie immer unverzichtbarer für die Kommune.

Kooperativ kollaborieren: Unter dem Gesichtspunkt der Effizienz können Zusammenschlüsse von öffentlichen Musikschulen in Form von losen Kooperationen bis hin zu Fusionen eine gute Lösung sein – sofern damit deren Leistungsfähigkeit steigt, ohne auf Kosten der Substanz der Musikschulen zu gehen, zum Beispiel Personal, Angebotsspektrum, Leistungsdichte und Beschaffung.

Geeignete Rechtsform: Die Rechtsform folgt immer dem Geschäftsmodell und ermöglicht diesem,  friktionsarm innerhalb einer für alle Stakeholder hohen Rechtssicherheit im angestrebten Sinne wirksam zu werden. Ändern sich die Rahmenbedingungen, dann ändert sich das Geschäftsmodell, dann ändert sich die Rechtsform.

Mögliche Rechtsformen einer öffentlichen Musikschule können neben dem eingetragenen Verein oder einer kommunalen Trägerschaft auch eine gemeinnützige GmbH sein, ein Eigenbetrieb, eine Genossenschaft oder eine Stiftung. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wichtig ist, dysfunktionale Strukturen zu zerschlagen und durch wertschöpfende Strukturen zu ersetzen.

Neue Geschäftsfelder: In schwierigen Zeiten öffnen sich meist neue Türen, einfach weil manche Akteure vom Markt verschwinden und weil neue Aufgaben entstehen. Hier gilt: Der frühe Vogel fängt den Wurm, denn nach der Krise kommt der Boom für diejenigen, die in der Krise ihre Hausaufgaben erledigt haben. Jetzt ist die Zeit, über Innovationen nachzudenken. Denn jetzt kann man nur gewinnen – das meiste ist ja bereits verloren und der Rest schlittert schwankend auf der Kante in eine ungewisse Zukunft.

Neue Zielgruppen: Gerade im Privatkundensektor entsteht nicht zuletzt durch die einer nachberuflichen Lebensphase in Massen entgegenstrebenden Boomer ein unfasslicher großer Sinnmarkt. Viele Boomer werden endlich das tun, worauf sie sich ein Leben lang gefreut haben – zum Beispiel das Musikinstrument ihrer Jugend wiederentdecken oder neu lernen – und viele von Ihnen werden das nötige Kleingeld dafür haben. Doch Achtung: Boomer sind konsumerfahren und anspruchsvoll.

Klare Haltung: In einer sich zunehmend auf Werte konzentrierenden öffentlichen Debatte kommt man mit Wischiwaschi nicht weit. Öffentliche Musikschulen brauchen einen klar kommunizierten Wertekanon, der sich eindeutig als weltoffen und allen damit zusammenhängenden Werten verpflichtet. Nur am Rande: das ist eines der DNK-Kriterien.

Umfassende Digitalisierung: Alle Geschäftsprozesse von der Verwaltung in einer öffentlichen Musikschule bis zur Vermittlung müssen digitalisiert werden – um Kosten zu sparen, um Abläufe zu  vereinfachen, um die wertvolle Arbeitszeit der Mitarbeiter für qualitätvolle Arbeit zu nutzen, um Schüler auch digital an sich zu binden, um Kooperationen zu managen. Auch KI-Tools für einfache Antwortroutinen rund um die Verwaltung können erhebliche Kostenvorteile generieren.

Die Grundregeln müssen sein: In der Verwaltung wird alles digitalisiert, was die Effizienz steigert und letztlich stupide Arbeit ist. In der Vermittlung wird alles digitalisiert, was die Unterrichtsqualität unterstützt und was die Bindung der Schüler an ihre Musikschule verbessert.

All diese Aspekte können in ihrer jeweils individuellen Ausformung vor Ort wesentlich dazu beitragen, auf Dauer resiliente – widerstandsfähige – Geschäftsmodelle für öffentliche Musikschulen zu entwickeln.

Mehr über die Entwicklung resilienter Geschäftsmodelle lesen Sie hier:

Resiliente Geschäftsmodelle

Ich wünsche Ihnen frohes Schaffen und gutes Gelingen,

Ihr

Stefan Theßenvitz


Quellen

[1] Quellen: https://www.zew.de/presse/pressearchiv/leises-industriesterben-in-deutschland, https://www.welt.de/wirtschaft/plus251736510/Deutschland-erlebt-ein-leises-Industriesterben-176-000-Unternehmen-geben-auf.html,  https://www.welt.de/wirtschaft/mittelstand/plus250234774/Zukunft-der-Wirtschaft-Wer-geht-geht-im-Stillen-Viele-andere-sitzen-auf-gepackten-Koffern.html

[2] Quellen: https://www.nmz.de/nmz-verbaende/verdi-fachgruppe-musik/nach-herrenberg-urteil, https://www.musikschulen.de/medien/doks/recht/faq-honorarvertrag.pdf,

[3] Eine ausführliche Darstellung hierzu mit allen Quellen finden in meinem Buch: Nachhaltig wirtschaften in der Praxis im Kapitel 11 Ökonomische Zusammenhänge und Wechselwirkungen, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-42458-9_11

[4] Eine Abfrage bei ChatGPT am 29. Mai 2024 bestätigt mein Wissen. Der Prompt: Liebes ChatGPT, welche Wachstumsrate des BIP – Brottoinlandsprodukts einer Volkswirtschaft ist notwendig, damit die Volkswirtschaft ökonomisch gesund bleibt? Was meinen die Experten? Antwort (Auszug): Für entwickelte Länder (wie die USA, Deutschland oder Japan) wird eine jährliche Wachstumsrate von etwa 2-3% als gesund betrachtet. Diese Länder haben bereits hohe Einkommensniveaus und stabilere wirtschaftliche Strukturen, sodass ein moderates Wachstum ausreicht, um Arbeitsplätze zu schaffen und den Lebensstandard zu erhalten.

[5] Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2861/umfrage/entwicklung-der-gesamtbevoelkerung-deutschlands/

[6] Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/974199/umfrage/produktivitaet-je-erwerbstaetigenstunde-in-deutschland/

[7] Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article251716650/Produktivitaet-Die-Welt-wird-leistungsfaehiger-und-Deutschland-faellt-zurueck.html

[8] Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-palaestinenser-rechte-100.html

[9] Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/saudi-arabien-uebernimmt-vorsitz-der-uno-frauenrechtskommission-menschenrechtler-protestieren-100.html

[10] Nur ein Beispiel von vielen: https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-columbia-universitaet-israel-gaza-100.html

[11] Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/palaestina-staat-100.html

[12] Quelle: https://www.brisant.de/kalifat-bedeutung-144.html

[13] https://www.arte.tv/de/videos/114207-000-A/russland-china-iran-front-gegen-den-westen/

[14] Quelle: https://orf.at/stories/3359040/